Hoffnung auf eine diakonische Kirche

Ulrich Bach
Hoffnung auf eine diakonische Kirche

Evangelisch-reformierte Kirche
Synodalverband Grafschaft Bentheim

Synode am 24. November 1990 in Emlichheim

Liebe Schwestern und Brüder.

Vor über zehn Jahren schrieb Rudolf Weth (EvTheol 1976, S. 273): „Die Gemeinde Jesu Christi wird nicht nachträglich und nach außen gerichtet ‚Gemeinde für andere‘. Sondern sie ist schon ‚unter sich‘ diakonische Gemeinde oder sie ist nicht Gemeinde.“

Das heißt: Wenn wir von „diakonischer Kirche“ reden, dann reden wir nicht von etwas, was zu der Kirche hinzukäme wie die Sahne auf die Torte – aber natürlich ist die Torte auch schon ohne die Sahne eine bekömmliche Torte. Sondern wir reden von der Torte selbst. Ohne Bild: Wir gehen nicht aus von einer in sich schon fertigen Kirche, zu der dann allerdings, wenn wir von „diakonischer Kirche“ sprechen wollen, noch einiges hinzukommen muß: Kindergärten, Altenheime, Behindertenarbeit und Krankenhäuser. In dieser Vorstellung bewegen wir uns vielleicht, wenn wir von der „Diakonie der Kirche“ sprechen. Wer „Diakonie der Kirche“ sagt, meint offenbar: Diakonie ist ein wichtiger und wertvoller Sektor kirchlicher Arbeit; aber zweifellos wäre Kirche auch ohne Diakonie in vollem Sinne Kirche; auch ohne sie wäre Kirche lebensfähig; auch ohne Diakonie würde die Kirche ihrem Auftrag in unserer Welt wenigstens einigermaßen gerecht. Nein, unser Thema fragt nicht nach der „Diakonie der Kirche“, sondern nach der „diakonischen Kirche“; nach der Kirche also, die in sich schon diakonisch ist – vor allen diakonischen Aktivitäten und Organisationen; nach der Kirche also, die „unter sich“ schon diakonische Gemeinde ist, um noch einmal an R.Weth zu erinnern.

Mit anderen Worten: Das Thema weist uns nicht auf die Frage: Was sollen wir tun?, wie sehen unsere Werke aus? Vielmehr auf die andere Frage: Wer sind wir?, Wie mag Christus sich unser Miteinander vorgestellt haben, als er uns in seine Kirche berief? (In theologischer Kurzformulierung: Das Thema kommt her vom „Evangelium“, nicht vom „Gesetz“.) Natürlich muß irgendwann auch von dem Tun der diakonischen Kirche die Rede sein. Heute aber soll einmal nicht gefragt werden: was tun wir, sondern: wer sind wir? Und darin sehe ich nicht nur eine Äußerlichkeit. Denn stellen Sie sich bitte vor, es solle sofort und als Wichtigstes von den Taten der diakonischen Kirche die Rede sein; dann hieße das: Diakonische Kirche ist Kirche der Tat, ist Kirche des Helfens, diakonische Kirche ist Kirche der Zuwendung zu den Schwachen. Und damit wäre, bekommen Sie keinen Schrecken, etwas Schlimmes gesagt. Damit wäre nämlich behauptet: Diejenigen, die selber kaum Taten vollbringen können (weil sie im Sterben liegen oder weil sie völlig gelähmt sind), diejenigen, die selber zum Helfen kaum in der Lage sind (weil sie völlig auf Hilfe angewiesen sind), diejenigen, die sich den Schwachen schwerlich zuwenden können (weil sie selber zu den Schwächsten gehören, die rund um die Uhr von der Zuwendung anderer leben) – all diese Menschen zählen dann nicht gleichberechtigt zu denen, die wir „diakonische Kirche“ nennen. Natürlich werden wir sagen: Sie gehören dazu; „irgendwie“ gehören „auch“ sie „natürlich“ „noch“ dazu; aber schon diese Vokabeln verraten unsere Schwierigkeiten: Wir sortieren: Auf der einen Seite stehen die Helfenden (die gehören dazu, ohne „auch“, ohne „irgendwie“, ohne „noch“, sie kommen dem Ideal der helfenden, der diakonischen Kirche sehr nahe); auf der anderen Seite die Hilfsbedürftigen (sie können nicht helfen, sie entsprechen nicht dem Ideal der helfenden Kirche; sie gehören, wenn überhaupt, nur „irgendwie“ und „auch“ zur diakonischen Kirche). Aber kann im Ernst eine sortierende Kirche eine diakonische Kirche sein? Ich behaupte: nein. –  Auch wenn wir uns im Augenblick noch in den Vorbemerkungen bewegen, so viel kann schon gesagt sein: Eine diakonische Kirche muß auf jeden Fall eine Kirche sein, in der der Schwache genau so Platz hat wie der Starke, der Hilfsbedürftige genau so wie der Helfer. Das heißt aber: Wenn ich nicht von vornherein der „diakonischen Kirche“ eine total undiakonische Basis geben will, darf ich sie auf keinen Fall definieren als eine Kirche der Tat, des Helfens, als eine Kirche der Zuwendung. So wichtig diese Dinge sind (wichtig auch für eine diakonische Kirche), sie dürfen nicht als Grund-Bestandteile einer diakonischen Kirche herangezogen werden, nicht als die wesentlichen Elemente, die eine Kirche zu einer diakonischen Kirche machen. – Noch einmal: Wenn ich sagte, in diesem Vortrag solle von unserem Sein, nicht von unserem Tun geredet werden, dann ist das nicht eine beliebige Festlegung, sondern bereits inhaltlich wichtig für das Thema selbst: Nur so kann verhindert werden, daß wir sofort abdriften in Richtung einer sortierenden Kirche, die darum nicht mehr „diakonische Kirche“ genannt werden könnte.

Lassen Sie mich das Gesagte noch einmal anders sagen. Ich möchte Sie einladen zu einem kurzen Ausflug in das Reich der Begriffe. Nachdenken möchte ich mit Ihnen über das Wort „musikalisch“ und über die möglichen Wort-Verbindungen „musikalischer Komponist“, „musikalischer Schüler“ und „musikalischer Affe“. Sie werden sofort das ganze Spektrum erkennen. Von den zwei Wörtern „musikalischer Komponist“ ist ein Wort überflüssig: Ist doch klar, daß ein Komponist musikalisch ist, das muß eigentlich gar nicht noch gesagt werden; „Komponist“ allein tuts auch schon. Anders beim musikalischen Schüler; da gibt es in der Tat musikalische und unmusikalische Schüler, und mindestens der Musiklehrer möchte gern wissen, mit wem er es gerade zu tun hat. Noch schwieriger wird es beim „musikalischen Affen“: Was hat ein Affe mit Musik zu tun? Da haben wir zwei Wörter, die eigentlich nicht zusammen passen: Auf der einen Seite der Affe, der im Urwald von Baum zu Baum springt, Bananen frißt und sich mit seinen Artgenossen kebbelt; auf der anderen Seite der Violinist, der in schwarzem Frack in wohltemperiertem Musiksaal in Bachs viertes Brandenburgisches Konzert (Satz 3) einstimmt; es fällt schwer, eine Verbindung zu denken: vielleicht einen Affen, der im Zirkus-Rund zur Samba die Pauke schlägt. Präzise dressiert, mag er es können, aber es entspricht keineswegs den Anlagen, die ihm von kleinauf mitgegeben sind.

Sie spüren gewiß schon: Mit diesem Ausflug ins Reich der Begriffe bin ich streng beim Thema. Was meinen wir, wenn wir „diakonische Kirche“ sagen? Steht diese Wort-Verbindung in Parallele zu der Wort-Verbindung „musikalischer Komponist“ oder zu der anderen: „musikalischer Schüler“, oder vielleicht zu der dritten: „musikalischer Affe“? Noch einmal: Was heißt „diakonische Kirche“? Nach dem Modell „musikalischer Affe“ wäre gemeint: Kirche ist alles Mögliche: sie hüpft im dogmatischen Urwald von Lehrsatz zu Lehrsatz und labt sich an paradiesischen Früchten; „Diakonie“ – Entschuldigung, wie schreibt man das? Man müßte diese Kirche sehr energisch dressieren, bevor sie auf diakonische Sprünge kommt. – Manchmal habe ich den Eindruck, Wichern habe es gewissermaßen mit einem solchen ‚kirchlichen  Affen‘ zu tun gehabt, dem es schwerfiel, auf eine diakonische Pauke zu hauen; der redet dauernd vom Glauben; der schlägt nicht Alarm, wenn verwahrloste Kinder unter die Räder kommen; der schlägt nur Alarm, wenn er die Rechtgläubigkeit in Gefahr sieht. Also müssen wir ihm beibringen: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ (so JHWichern, 1848; die Liebe kommt nicht als Zweites, sie „gehört“ so zentral zur Kirche „wie“ der Glaube). Mag dieser ‚kirchliche Affe‘ den Eindruck haben, wir zwingen ihn gegen seine eigentliche Natur, das darf uns nicht hindern; denn nur so lernt er, daß Gefängnis-Reform und die Erziehung Verhaltens-Gestörter zu seinen Aufgaben gehören, daß Gefangene und Verhaltens-Gestörte zu ihm gehören, als seine Schwestern und Brüder. – „Hoffnung auf eine diakonische Kirche“ hieße in diesem Modell: ich hoffe, daß die Dogmen-konforme und auf ihr Ansehen bedachte Kirche endlich die kleinen Leute entdeckt. Mag sie sich anfänglich dagegen wehren wie der Affe gegen die Trompete – wir müssen sie dahin dressieren.

Unsere heutige Kirche sehe ich stärker im Modell „musikalischer Schüler“: Es gibt musikalische und unmusikalische Schüler. Ohne Bild: Es gibt Gemeinden, die in Sachen Diakonie enorm engagiert sind; in anderen Gemeinden nimmt die Kirchen-Musik einen höheren Rang ein, und wieder anderen Gemeinden wird viel Einsatz abverlangt durch mehrere große gemeindeeigene Friedhöfe. Leicht neigen wir dazu, mit dem Satz: „Keiner kann alles,“ diesen Tatbestand in Ordnung zu finden. – Aber steht es wirklich so schlimm? Ich habe den Eindruck, wir dürften ein bißchen positiver von uns reden, als ich es soeben tat. Natürlich kann keiner alles; natürlich tut keiner alles. Aber wenn wir nicht nur fragen: Was wird tatsächlich getan?, sondern wenn wir nach der Wertigkeit und dem Ansehen unseres Tuns fragen, dürften die diakonischen Aktivitäten an erster (oder wenigstens mit an erster Stelle) stehen. Ich stelle mir vor, im Sonntagsblatt würde von zwei Gemeinden berichtet, die beide an einem sonnigen Sommer-Sonntag den Gottesdienst ausfallen ließen: die eine Gemeinde, weil alle Gemeinde-Glieder aufgerufen wurden, am Sonntag-Vormittag auf dem Friedhof Unkraut zu jäten; die andere, weil die Gemeinde-Glieder mit Rollstuhl-Fahrern einen Ausflug ins Grüne machten. Meinen Sie nicht auch: Die zweite Gemeinde kann mit wesentlich mehr Verständnis rechnen? Unkraut jäten – das kann man auch ein andermal, wird es heißen. Während im zweiten Fall vermutlich rascher gesagt wird, der Ausflug mit Behinderten sei im Grunde doch auch ein Gottesdienst. In die gleiche Richtung geht eine Umfrage von 1984: Bei der Frage, wozu man am ehesten Geld spenden würde, standen Altenheime, Behinderten-Arbeit und Ähnliches sehr weit vor der Renovierung kirchlicher Gebäude oder der Gemeinde-eigenen Orgel. Das scheint heute einfach klar zu sein: Mit dem Modell „musikalischer Affe“ haben wir nichts mehr zu tun. Diakonie wird wichtig genommen. Es wird kaum jemand behaupten, diakonisches Tun sei für einen Christen so wesensfremd wie das Trompete-Blasen für einen Affen. – Und wie ein musikalisch besonders begabter Schüler gelobt wird (vielleicht steht über ihn sogar eine Notiz in der Zeitung), so kann heutzutage eine diakonisch besonders engagierte Gemeinde von allen oder fast allen Seiten mit Lob und Kopf-nickender Anerkennung rechnen: Die machen das wirklich ganz prima! – „Hoffnung auf eine diakonische Kirche“ hieße in diesem Modell: ich hoffe, daß immer mehr Gemeinden ihr diakonisches Engagement verstärken, bis wir eines Tages sagen können: Nicht nur einzelne Gemeinden verstehen sich als diakonische Gemeinden, sondern unsere Gesamtkirche begreift sich als diakonische Kirche. Jeder Diakonie-Sonntag, jede Diakonie-Arbeitsgruppe auf einem Kirchentag (usw.) wäre vergleichbar mit einer Musik-Nachhilfe-Stunde für leicht unmusikalische Schüler, wäre also (ohne Bild) der Versuch, in Gemeinden, die in ihrem Glauben und in ihrem sonstigen Gemeindeleben ganz in Ordnung sind, nur bei der Diakonie hapert es ein bißchen, in diesen Gemeinden die Freude an der Diakonie zu wecken und zu stärken.

Mag sein, daß mancher von Ihnen dachte, mein Vortrag ziele genau in diese Richtung. Aber da müßte ich Sie  enttäuschen. Denn ich bin fest davon überzeugt: Wenn wir das Thema „diakonische Kirche“ theologisch einigermaßen sauber angehen wollen, kann uns weder das Modell „musikalischer Affe“, noch das Modell „musikalischer Schüler“ weiterhelfen; vielmehr müssen wir streng im Modell „musikalischer Komponist“ denken. Für den Komponisten ist Musik nicht etwas Wesensfremdes wie für den Affen; es ist auch nicht etwas, was gelegentlich zutreffen kann, ein andermal aber auch nicht, wie beim Schüler; nein, der Komponist ist musikalisch, oder er kann kein Komponist sein. Entsprechendes gilt von der Kirche: sie ist diakonisch oder sie kann keine Kirche sein. Wenn sie nicht diakonisch ist, dann ist sie nicht etwa eine undiakonische Kirche, dann ist sie überhaupt keine Kirche. Eine undiakonische Kirche kann es genauso wenig geben wie einen unmusikalischen Komponisten. Entweder ist man Komponist, dann ist man selbstverständlich auch musikalisch, oder man ist beides nicht. Entweder ist man Kirche, dann ist man selbstverständlich auch diakonisch (also eine diakonische Kirche), oder man ist beides nicht. Wer also theologisch über die diakonische Kirche reden soll (und diese Aufgabe ist mir für heute gestellt worden), der muß über die Kirche reden.

Fürchten Sie bitte nicht, ich würde jetzt eine möglichst komplette „Lehre von der Kirche“ vor Ihnen entrollen. Stattdessen möchte ich ein paar Aspekte – wenn ich das richtig sehe: besonders wichtige Aspekte – benennen und versuchen, ihre diakonische Dimension freizulegen. Ich unterstreiche: ich möchte nicht auf die diakonischen Konsequenzen aufmerksam machen. Damit würde ich ja wieder voraussetzen, daß zentrale Aspekte der christlichen Kirche denkbar sind, ohne daß sie in sich schon etwas mit Diakonie zu tun haben; Diakonie wäre dann wieder etwas nur Hinzukommendes, eine praktische Folgerung, wäre bestenfalls eine Wesens-Äußerung der Kirche, gehörte aber nicht zum Wesen der Kirche selber. Nein, es geht mir nicht um das Aufzeigen der diakonischen Konsequenzen, sondern um das Freilegen der diakonischen Dimension: Jeder für eine „Lehre von der Kirche“ wichtige Aspekt hat bereits in sich mit Diakonie zu tun, nicht erst in seinen Folgerungen.

Das wird gewiß deutlicher, wenn ich es sofort an einem Beispiel festmache. Als ersten Aspekt einer „Lehre von der Kirche“ nenne ich das Bekenntnis, daß Kirche eine Schöpfung Gottes ist. Wer von Kirche redet, muß also von Gott reden, vom Gott der Bibel, also von dem Gott, dessen Tun ständig ein diakonisches Tun ist: Gott sortiert nicht, sondern schafft den Bund. Das beginnt bereits bei der Schöpfung: Gott schafft sich, obwohl er uns nicht nötig hätte, ein Gegenüber. Gott scheint vernarrt zu sein in das Miteinander: Er läßt uns sein „Du“, seinen Gesprächspartner, sein. Ja, Gottes Diakonie beginnt sogar noch früher: Der ewige dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, bilden schon in sich eine Gemeinschaft, ein Miteinander: Die drei sind beisammen, so sehr, daß wir sagen: die drei sind eins. „Diakonie“ als permanentes Miteinander-Sein ist also zunächst einmal zu entdecken als ein innertrinitarisches Geschehen. (Wenigstens in Klammern möchte ich die Professoren, die an den Universitäten das Fach Diakonik vertreten, fragen, warum sie den Kopf nicht höhertragen. Sie scheinen zuweilen darum bemüht, der Diakonie innerhalb der „Praktischen Theologie“ endlich den ihr zukommenden gleichberechtigten Platz zu erstreiten. Warum so bescheiden? Die Diakonik scheint mir die einzige theologische Fachrichtung zu sein, deren Gegenstand sich bis in das innertrinitarische Geschehen zurückführen läßt; das kann man weder von der Predigtlehre noch von der Seelsorge, weder von der Katechetik noch von der kirchlichen Verwaltung, weder von biblischer oder systematischer Theologie noch von der Kirchengeschichte sagen. Diakonie als das Beieinander-Sein von Unterschiedenen, als deren gegenseitige Ergänzung, als ihr Eins-Sein, hat seinen Ursprung in der ewigen Trinität selber. Diakonik dürfte sich also verstehen als die Königin aller theologischen Fachrichtungen. Aber das nur in klammern.) Wir sahen: Diakonie ist bereits ein innertrinitarisches Geschehen. – Aber weiter: Dem Sein Gottes, seinem Wesen, entspricht nun sein Tun: Diakonie ist eine Dimension der gesamten Heilsgeschichte. Von der Erschaffung der Welt war schon die Rede. Und wie sieht die Fortsetzung aus? Ständig wird spürbar: Gott will mit uns verbunden sein; er lädt uns ein, mit ihm verbunden zu sein. Das ist die Sünde des Menschen, daß er sich von Gott absondern, daß er sich gegen ihn behaupten will, daß er so sein möchte wie er; aber noch den aus dem Paradies Vertriebenen hält Gott die Treue; noch der Bruder-Mörder Kain steht unter seinem Schutz. Nach der Sintflut dann mutet sich Gott eine mißratene Menschheit als seinen Partner zu: Ich will keine Flut mehr kommen lassen, „denn“ (!!) der Mensch ist böse von Jugend auf. Von Abraham an ist der Bund eine immer wieder genannte und gelebte Größe. Und mag es aussehen, als sei Gott jetzt doch der Sortierende, ein Gott, der sich gegen die anderen Völker und nur für Israel entscheidet: von Anfang an sind die Völker mitgedacht. In Abraham sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Und erst recht die Propheten reden von der Zeit, da die Heiden mit hinzukommen. Besonders schön heißt es bei Sacharia (8,23): Zehn Heiden werden einen einzigen jüdischen Mann am Zipfel seines Gewandes festhalten: wir wollen mit euch gehen, denn wir haben erkannt, Gott ist mit euch. Dieses Dazugehören aller wird dann im Neuen Testament breit ausgestaltet. Nach Matthäus sind Heiden aus dem Osten die ersten, die den neugeborenen König anbeten. Und am Ende seines Evangeliums heißt es: Gehet hin, machet alle Völker zu meinen Jüngern. Das, was wir bei Matthäus einen horizontalen, geographischen Universalismus nennen können, dürfen wir bei Lukas als vertikalen, sozialen Universalismus bezeichnen: alle, auch die Armen und Verachteten, sind berufen. Bei ihm sind es die Hirten, die als erste zur Krippe finden. Später sitzt Jesus mit Zöllnern und Dirnen am gleichen Tisch; im Gleichnis wird dem heruntergekommenen, dem „verlorenen“, Sohn ein Fest ausgerichtet; in einem anderen Gleichnis werden Arme und Behinderte, Blinde und Gelähmte zu Gottes herrlichem Festmahl geladen; und unmittelbar vor seinem Sterben verspricht der am Kreuz Hängende einem Verbrecher: heute noch wirst du „mit mir“ im Paradiese sein („du mit mir“, das heißt: wir beide gemeinsam, der Verbrecher und der Messias). – Was typisch ist für Jesus, soll typisch sein für die Gemeinde, so sagt es Paulus: wir gehören zusammen, wir sollen uns nicht sortieren in Juden und Griechen, in Männer und Frauen, in Freie und Sklaven (ich möchte aktualisieren: in östliche und westliche Christen, in schwarze und weiße Christen, in nichtbehinderte und behinderte Christen), denn wir sind einer in Christus. Auch was Paulus über unsere ewige Hoffnung sagt, ist wieder geprägt von der „diakonischen Dimension“, also vom Mit-Sein: Dann werden wir (heißt es I Thess 4,17) bei dem Herrn sein allezeit (wir anfälligen, sterblichen Geschöpfe werden mit dem ewigen Gott zusammensein – „allezeit“, also verbindlich, verläßlich, ohne daß uns etwas trennen könnte). – Johannes scheint dieses Miteinander-Sein auf die Spitze zu treiben mit seiner Formulierung „eins sein“ (Joh 17): wie Gott Vater und Gott der Sohn „eins sind“, so sollen die Jünger „eins sein“ untereinander und auch mit Gott; Jesus, im Gebet zu seinem Vater: „ich in ihnen und du in mir, auf daß sie vollkommen eins seien“ (Vers 23). – „Hoffnung auf eine diakonische Kirche“, das könnte jetzt heißen: Ich hoffe auf eine Kirche, in der Diakonie nicht ein beliebiges Unternehmen ist wie etwa das Amt für Denkmal-würdige Kirchengebäude – man kann es haben, man ist aber auch ohne ein solches Amt im Vollsinn des Wortes Kirche; ich hoffe auf eine Kirche, die erkannt hat und ständig beherzigt: Diakonie ist eine der Grundvoraussetzungen von Kirche, Diakonie gehört zum Wesen Gottes, sie prägt von Anfang bis zum Ende Gottes große Heilsgeschichte, ohne Diakonie kann Kirche niemals Kirche sein.

Wenn ich jetzt auf einen zweiten Aspekt einer „Lehre von der Kirche“ zu sprechen komme, nämlich auf das Thema „Kirche als Kirche des Wortes“, dann könnte der eine oder andere von Ihnen geneigt sein zu denken: auch das noch!, was hat das mit Diakonie zu tun?, muß es nicht im Gegenteil Anliegen der Diakonie sein, die Kirche zu ermuntern, das Wort nicht gar so wichtig zu nehmen, sondern sich endlich aufs Tun zu besinnen? Ich behaupte aber allen Ernstes: Die Luther-Zeile: „Das Wort sie sollen lassen stahn!“, ist für eine diakonische Kirche von unüberbietbarer Wichtigkeit; ohne das Wort kann es keine diakonische Kirche geben. – Freilich: Wir müssen schon unterscheiden zwischen „Wort“ und „Wort“. „Kirche des Wortes“ meint in strengem Sinn: Kirche, die sich unbeirrbar an das Wort Gottes hält. Mit „Wort“ darf nicht alles gemeint sein, was bei uns Christen-Menschen tagtäglich „dem Gehege unserer Zähne entfleucht“ (um einmal homerisches Vokabular zu benutzen; also nicht alles, was wir von morgens bis abends reden): da gibt es bestimmt manch unnütze Diskussion und viel wohlklingende, vielleicht auch fromm-klingende, Quasselei. „Kirche des Wortes“ meint also nicht: Kirche der Vielredner, sondern: eine Kirche, die ständig und gehorsam („gehorsam“ hat mit „hören“ zu tun) herkommt von Gottes frohmachender und freimachender Botschaft. – Ich fürchte, an dieser Stelle müssen gerade wir „Diakoniker“ einsehen, daß wir oft recht töricht argumentieren. Wir unterscheiden zuweilen nicht mehr zwischen „Wort“ und „Wort“, halten uns an Goethes Satz: „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn“, und raten unseren Gesprächspartnern, in der Kirche das „Wort“ nicht gar so wichtig zu nehmen. Wir merken nur selten, daß wir damit zweideutig reden. Wenn gemeint ist: Nehmt in der Kirche das menschliche Reden nicht so ernst, besonders dann nicht, wenn es nicht zu entsprechendem Tun frei macht und anspornt, dann ist damit etwas durchaus Richtiges gesagt (es hat allerdings mit dem Thema „Kirche als Kirche des Wortes“ kaum etwas zu tun); wenn wir aber mit dem Satz: „Nehmt das Wort nicht so wichtig“, meinen sollten: Nehmt Gottes Zusagen und seine Weisungen nicht so ernst, verlegt euch mehr auf das eigene Tun, dann freilich bringen wir damit die „diakonische Kirche“ in größte Gefahr. Wir proklamieren wieder die Kirche des Tuns, und das Wort Gottes dient uns allenfalls noch als Beleg, es verkommt zur Legitimation für unsere Taten. (Die Häufigkeit, in der neuerdings die Wörter „legitimieren“, „Legitimation“ -u.ä.- in der Literatur zur Diakonie auftauchen, scheint mir diese Denkrichtung deutlich anzuzeigen.) Stattdessen will das Wort Gottes Basis unseres Tuns sein, vielleicht sogar sein Inhalt. Wenigstens fällt mir auf, daß im Jakobus-Brief (1,22) sich nicht gegenüberstehen „Hörer des Wortes“ und „Täter“, sondern „Täter des Wortes“ und „Hörer“; daß „hören“ etwas mit „Wort“ zu tun hat, scheint selbstverständlich zu sein; unterstrichen wird, daß auch unser Tun ein „Tun des Wortes“ sein soll: „Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein.“ – Die kritische Anfrage an eine Kirche, die sich ein bißchen schwertut, sich selber als diakonische Kirche zu begreifen, darf also nicht in erster Linie heißen: Wo bleiben eure Taten? Vielmehr muß sie lauten: Wie ernst nehmt ihr eigentlich das Wort?, habt ihr überhaupt schon begriffen, welcher Sprengstoff darinsteckt (wenn Paulus von der „Kraft“ des Evangeliums redet, kann er das griechische Wort „dynamis“ benutzen, von dem das deutsche Fremdwort „Dynamit“ abgeleitet ist – wer das Evangelium für eine Schlummer-Rolle hält, der hat es gründlich mißverstanden)?, ist das Wort Gottes für euch ein gelegentlich zugelassener himmlischer Farb-Tupfer innerhalb eurer recht weltlichen Alltags-Philosophie und Alltags-Strategie, oder ist es (ich denke an die Frage 1 des Heidelberger Katechismus) tatsächlich eure Denk- und Wirk-, eure Lebens- und Sterbens-Basis – so sehr, daß ihr allem, was sonst euer Tun und Lassen bestimmen möchte, getrost den Abschied geben könnt?

Kirche als Kirche des Wortes – wenn ich das Gesagte nun konkretisieren möchte, stehe ich vor der Qual der Wahl: Welchen Begriff, welche Bibelstelle soll ich aus der Fülle der Möglichkeiten herausgreifen? Ich versuche es mit einem Vers, den jeder kennt: Jesus sagte einmal: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ (Mt 11,28). Dieser Vers ist schon fast zu sehr bekannt; man denkt leicht an ein Kalender-Blatt oder eine Wand-Verschönerung in einem Gemeindesaal. Lassen Sie es mich mit diesem Satz halten, wie ich es manchmal tue, wenn ich einen Bibelvers plastisch verstehen möchte: ich entwickele daraus eine kleine Geschichte. Also: Hier ist eine Gruppe von Menschen, vor uns in einiger Entfernung Jesus; er lädt uns ein: Kommet her zu mir alle. Und schon drehe ich mich um und will weggehen. Jesus fragt mich: Wohin willst du? Eben etwas holen. Was denn? Weiß ich noch nicht genau, vielleicht mein polizeiliches Führungs-Zeugnis. Wieso das? Du hast uns doch gerufen, und da dachte ich … . Ach was, sagt Jesus, dein Führungs-Zeugnis laß zu Hause. Naja, oder vielleicht mein Gesundheits-Zeugnis. Brauche ich auch nicht. Aber hör‘ mal, ich kann zwei theologische Examina mit Dokumenten belegen. Ja und?, sagt Jesus. Soll ich nicht die wenigstens holen? Deine Dokumente interessieren mich aber gar nicht. Aber du hast uns doch gerufen, und ich kann doch nicht einfach … . Warum denn nicht?, doch, doch, du kannst wohl so einfach …; du mußt sogar ganz ohne allen Klimbim kommen, wenn du mich nicht kränken willst; ich habe dich gerufen, so wie du bist, basta. – Erst jetzt wird mir klar, daß mein rechter Nachbar nicht weggehen wollte. Ich sage: Möchtest du nicht auch irgendetwas holen? Da lacht er mir prustend ins Gesicht, so daß ich seine Fusel-Fahne deutlich rieche: Sag ‚mal einem Tippel-Bruder, er soll seine Zeugnisse holen! Ach so, sage ich und frage meinen Nachbarn zur Linken: Und wie ist das mit dir? Ja, ich weiß nicht, stottert der kleinlaut vor sich hin; ich könnte dem Haus-Vater vielleicht sagen, er soll mir meine Akte geben; aber da steht drin, daß ich die Schule nur bis zur Klasse 4 geschafft habe; mit der Ausbildung, das hat auch nicht hingehauen; und daß ich oft unpünktlich bin, geklaut habe ich auch schon – meinst du, es wäre günstig, wenn ich die Akte hole? Ach so, sage ich noch einmal und höre, wie Jesus ruft: Wo bleibt ihr denn? „Ihr“ sagt Jesus; also machen „wir“, „wir drei“, uns „miteinander“ auf den Weg.

Wenn ich mir auf solche Weise das Jesus-Wort veranschauliche, ist es mir kein Wand-Schmuck mehr. Es wird sehr lebendig: Ich spüre eine unglaubliche Befreiung – ich darf kommen, wie ich bin; schwarze Weste oder weiße, Rollstuhl oder Olympia-Medaille, das spielt alles keine Rolle. Und gleichzeitig ist der Ruf Jesu für mich ein gewaltiger Schuß vor den Bug, ein Frontal-Angriff auf meinen Stolz – ich muß kommen, wie die anderen sind: schwarze Weste oder weiße, wissenschaftliche Examina oder geistige Behinderung, das spielt alles keine Rolle. Unglaublich ist das; jedenfalls etwas total anderes als ein paar Farbtupfer in unserer Alltags-Philosophie. Nein, dieser Philosophie wird sogar schroff widersprochen: Eure Sortierungen in Gute und Böse, in Junge und Alte, in Anpassungs-Fähige und Anpassungs-Unfähige, in Mutige und Zaghafte (und wie immer unsere Sortierungen heißen mögen, von denen auch wir Christen kaum loskommen) – eure Sortierungen machen euch doch nur kaputt. Hier wird uns der Friede Gottes angeboten, der höher ist als alle Vernunft. Unsere Alltags-Philosophie wird als Lüge demaskiert, und das hat die nicht so gerne. Eine Kirche des Wortes wird also auf Schritt und Tritt anecken. Ich schlage noch einmal Joh 17 auf: Jesus betet: „Ich habe ihnen gegeben dein Wort, und die Welt haßte sie“ (Vers 14); und Luther sagt gelegentlich, Gottes Wahrheit sei vor der Welt „eine Ketzerei“ (vgl. Bach Traum, S. 115 bzw. S. 104). – Haben Sie gemerkt? Ein bißchen habe ich gerade gemogelt. Was ich zum „anecken“ sagte, war nicht falsch, aber es war zu wenig. Ich tat so, als seien wir die Träger des Wortes, und wir ecken mit ihm in der Welt an. Das stimmt; aber das andere stimmt eben auch: Zunächst eckt das Wort Gottes bei uns an. Das tut mir, dem religiösen Menschen, weh, wenn mir gesagt wird: Die guten Werke gelten nichts; unser Tun ist umsonst, auch in dem besten Leben (vgl.: EKG. 239,3; 195,2; so haben wir es vor wenigen Tagen am Buß- und Bettag wieder gesungen). Ein kleinwenig möchte ich doch die Gnade Gottes auch verdienen können, und wenn es nur ein bis fünf Prozent sind. Ein bißchen besser als andere möchte ich nun doch sein. Das Wort Gottes ist also für mich eine Ketzerei; das mache ich mir nicht gerne klar, aber es ist nötig; denn gerade von hier aus wird noch einmal die diakonische Dimension des Wortes Gottes besonders deutlich. Das Wort Gottes nämlich verbindet uns miteinander, rückt uns zusammen: Die Könner, die Großen, die Starken in jeder Beziehung – sie werden heruntergeholt von ihrem Podest: Ist ja ganz hübsch, was ihr da zuwegebringt; aber leben könnt ihr nur von der Gnade Gottes. Und die Versager, die Kleinen, die Schwachen in jeder Beziehung – sie werden aufgerichtet: Mögt ihr traurig sein, mögt ihr für andere zum Spott werden, weil ihr keine Schätze vorzeigen könnt; leben könnt ihr sowieso nur von der Gnade; und die habt ihr. Oder, um es mit ein paar Zeilen aus einer Luther-Predigt von 1525 zu sagen: Das alles ist „gesagt, um diejenigen, die etwas sind, zu demütigen, damit sie sich auf nichts verlassen als auf die bloße Güte und Barmherzigkeit Gottes, und ebenso umgekehrt, damit diejenigen, die nichts sind, nicht verzagen, sondern sich ebenso auf Gottes Güte verlassen wie jene“ (D Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Hg.: E.Mülhaupt, Bd. 2, S. 676). – Haben sie heute schon die Losung aus den Herrnhuter Losungen gelesen? Jes, 53,5: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ „Wir“, wir alle! Also nicht: „ich“ bin okay, weil ich so viel leiste; und der Schwache darf sich der Wunden Christi getrösten. Vielmehr: Wir alle sind heil durch die Wunden Christi, oder wir sind nicht heil. – „Hoffnung auf eine diakonische Kirche“ – das heißt nun: ich hoffe auf eine Kirche, in der wir uns miteinander bemühen, die Frohbotschaft Gottes gegen den Widerstand unseres Stolzes, gegen den Widerstand der Depressionen mancher „Klienten“ und gegen den Widerstand des Spottes von außen so radikal und so fröhlich durchzuhalten, daß man unter uns ein bißchen wenigstens erleben kann: bei denen gilt tatsächlich der Oberkirchenrat nicht mehr als die Putzfrau; der Vortrags-Redner nicht mehr als der Taxi-Fahrer, der mich vorhin trotz Wintereinbruch zwar verspätet, aber wohlbehalten hierherbrachte; der Strafrichter nicht mehr als der Straftäter; der Professor nicht mehr als der geistig Behinderte; der Sterbende nicht weniger als der gerade gesund zur Welt Gekommene.

Ich rufe einen weiteren Aspekt auf: „Kirche als Leib Christi“. Wie sich der Leib aus sehr verschiedenen Gliedern und Organen zusammensetzt, so verhält es sich auch mit der Gemeinde, dem „Leib Christi“ (I Kor 12 u.a.). Wir müssen es allerdings genauer sagen: „Die Glieder bilden den Leib“, oder: „Der Leib setzt sich aus den Gliedern zusammen“, das klingt, als seien zuerst die Glieder da, und indem sie sich miteinander verbinden, entsteht der Leib. Paulus scheint es gerade umgekehrt zu meinen: wir sind „in einen Leib hineingetauft“ worden. Also zuerst ist der Leib Christi; in ihn werden die einzelnen eingefügt durch die Taufe. Diese Sicht scheint mir in unserer stark vom Individualismus geprägten Zeit stärkste Beachtung zu verdienen. Ich zitiere George Casalis: „Jesus ist kein Prometheus und der Christ kein selbständiger Held: sie fügen sich vielmehr in einen Plan hinein, der für sie und für alle Menschen Freiheit und Heil bedeutet. … (Die) christliche Anthropologie müßte infolgedessen von Grund auf neu gedacht und formuliert werden: nicht die Person ist der Anfang, wohl aber die Gemeinschaft, nicht das Glied, sondern der Leib. Echter Mensch sein heißt, sich einem für die Gemeinschaft geltenden Plan einfügen“ (Göttinger Predigt-Meditationen, 1976/77, S. 93). Sieht es unter uns nicht dauernd anders aus, so nämlich, daß wir vom einzelnen ausgehen? Der Christ als „selbständiger Held“: ist das nicht doch unser aller heimliches Idealbild? Wer wollte kein Held sein: im Sport, in politischer Beziehung, Held der Arbeit oder auch heldenhafte Mutter? Und „Frömmigkeits-Held“ wäre ja wohl nur eine andere Bezeichnung für „Heiliger“. „Selbständig“ wollen wir erst recht sein; dauernd auf Hilfe angewiesen – nein, das wäre nichts für mich. Und dann beides miteinander: der „selbständige Held“ – wem schlüge da das Herz nicht höher? (Ich sage das ohne Ironie. Wohl jeder von uns hat solche Wünsche in sich.) Nur müssen wir sehen, daß die Bibel anders vom Menschen redet; wir müssen uns davor hüten, den „selbständigen Helden“ mit christlichem Denken harmonisch zu verbinden, wie es in dem kuriosen Wort-Salat zum Ausdruck kommt, den ich bei Goethe fand: „der Christliche deutsche Herkules“ (J.W.Goethe, Gesammelte Werke in 7 Bänden, hg.: B.v.Heiseler, Bd. 4, S. 169). – Ist das nicht exakt die Denkrichtung unserer (auch wir Christen sind darin eingeschlossen) Pädagogik und Förderung? Der Junge soll sich mal behaupten können – das heißt offenbar: er soll sich im Konkurrenz-Kampf mit anderen behaupten können; ja, er soll sich gegen andere behaupten können. Nur selten hört man als Zielvorstellung: Er soll lernen, in einer Gemeinschaft sich zurechtzufinden, in dieser Gemeinschaft Hilfen anzunehmen und in ihr auch brauchbar zu sein. Sehe ich zu schwarz, wenn ich meine, solche Sätze eigentlich nur aus dem Bereich der Therapie zu kennen? Damit wäre gesagt: Nur wenn es gar nicht mehr anders geht, wenn der Junge zu schwach ist, sich selbständig gegen andere durchzusetzen, nur dann hängen wir die Trauben niedriger, nur dann nehmen wir die Zeichen, die unsere Zielvorstellungen markieren, zurück (re=signieren heißt ja ursprünglich: die Zeichen zurückstecken), aber für den „Normal-Fall“ bleiben wir beim „Sich-Behaupten“. Wenn ich Paulus (und Casalis und andere) richtig verstehe, dann soll auch für den Normalfall gelten: „In der Gemeinschaft brauchbar sein“, so heißt die Zielvorstellung bei uns Christen. „Brauchbar sein in der Gemeinschaft“, das ist keine therapeutische Notlösung für die Grenzsituationen, sondern das bezeichnet für uns alle die einzig-richtige biblisch orientierte Marschrichtung, durch die unsere Gemeindekreise, Pfarrkonferenzen, Presbyteriums-Sitzungen, Team-Besprechungen (usw.) ein anderes Gepräge bekommen könnten, ein gleichzeitig biblisches und menschliches. – „Hoffnung auf eine diakonische Kirche“, das hieße jetzt: Ich hoffe auf eine Kirche, die eindeutig geprägt ist von einem solidarischen Miteinander; jeder braucht andere (der bei Paulus negativ besetzte Satz: „ich bedarf dein nicht“, vgl. I Kor 12,21, gilt dann auch bei uns nicht als Tugend, sondern als Sünde), und von jedem wird erwartet, jedem wird zugetraut: er ist brauchbar für andere. Kirche als Patienten-Kollektiv, Kirche als Leib Christi, in den die „Verlorenen“ nicht mühsam und nur großzügigerweise eingegliedert werden, sondern alle gehören von vornherein selbstverständlich dazu. Die Frage ist allerdings, ob wir jeden anerkennen, oder ob wir diesen und jenen, gottlos und asozial wie wir sein können, zuweilen vom Leibe Christi amputieren wollen.

Ich komme zum Schluß, möchte aber darauf hinweisen, daß mir natürlich bewußt ist, nicht alle wichtigen Aspekte einer „Lehre von der Kirche“ besprochen zu haben. Ein paar möchte ich eben noch erwähnen:

  • Kirche unter dem ersten Gebot. Beten wir nicht oft anderes an als den Gott der Bibel: vielleicht die Gesundheit, vielleicht die Ausgewogenheit nach allen Seiten, vielleicht den statistischen Bestand? „Wie stabil ist die Kirche?“, so wird auch offiziell gefragt. Ist das nicht, bei Licht betrachtet, eine zutiefst gottlose Frage? Der auferstandene Herr ist der Garant seiner Kirche. Wie stabil ist die Kirche?, – wir haben Sorgen!
     
  • Kirche der Brüder und Schwestern. Sind wir bereit, miteinander die „geringsten Brüder“ Jesu zu sein? Die sollen, können und dürfen wir nach Matth 25,31ff sein; fatalerweise wird dieser Text allerdings meistens so ausgelegt: wir (als die Brüder Jesu) sind zu den Notleidenden (als den geringsten Brüdern Jesu gesandt). Und damit mogeln wir uns, unter dem Stichwort „Bruder“, gewissermaßen in die Rolle eines Ober- oder Haupt-Bruder (vgl. dazu ausführlich: U.Bach, Dem Traum entsagen, mehr als ein Mensch zu sein, 1986, S. 73ff).
     
  • Schließlich: Kirche unter dem Kreuz. Eigentlich hatte ich unter diesem Begriff ausführlich auf Psalm 118,22 zu sprechen kommen wollen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist durch Gottes Einwirken zum Eckstein geworden.“ Die ersten Christen haben diesen Satz auf Christus bezogen (der Gekreuzigte ist das Heil der Welt); dabei wiesen sie ausdrücklich darauf hin (I Petr 2,4-8): gerade diesem „Stein“ kommt für unseren Gemeindeaufbau eine (im buchstäblichen Sinne) fundamentale Bedeutung zu. Ist unsere Kirche, ist unser Glaube stetig geprägt von diesem Gott, der das von den Fachleuten als überzählig und wertlos, als unbrauchbar, unbildbar, als „Nichts“ oder „Ausschuß“, als nicht ausbildungsfähig Verworfene zu wichtiger Größe erheben kann? „Glauben“ wir, daß der alkoholkranke Friedhofsgärtner, wenn Gott es so will, die wichtigste Figur in unserer Gemeinde sein kann? – Leben und vermitteln wir die Zuversicht, die M.Luther in einer Auslegung dieses Verses so ausdrückt: „Gott will dich unverworfen haben und deine Verwerfer nicht kennen (!!), daß sie zu Grunde gehen und du ewig bleibest“ (Das schöne Confitemini; Aland-Ausgabe, Bd. 7, S. 353f)? Gott verwirft niemanden – mit einer einzigen Ausnahme: die Verwerfer verwirft er: diejenigen, die so tun, als seien sie etwas Besonderes, und darum könnten sie die „kleinen Leute“ verwerfen, die werden von Gott verworfen, nur sie. Zunächst gilt jedem: „Gott will dich unverworfen haben und deine Verwerfer nicht kennen, daß sie zu Grunde gehen und du ewig bleibest“ – oder ist so etwas auch in unseren Kirchen schon zur „Ketzerei“ geworden?

Ich wollte ja abbrechen! – Aufzeigen wollte ich heute, daß es unbedingt nötig ist, von der Kirche zu reden, wenn nach der diakonischen Kirche gefragt wird. Da darf uns nicht die ungeduldige Frage stören: Und wo bleiben die diakonischen Aktivitäten? Vorher – oder: zwischendurch immer wieder – muß gefragt werden: Wo, auf welchem Mutterboden, können diakonische Aktivitäten wachsen? Vom „Mutterboden“ also war in diesem Vortrag die Rede.

Noch einmal das Thema: „Hoffnung auf eine diakonische Kirche“, und noch einmal die Erinnerung an den „musikalischen Komponisten“. Ich hoffe auf eine Kirche, die sehr erstaunt dreinschaut, wenn man sie fragt: seid ihr eine diakonische Kirche? Wenn man einen Komponisten fragt: Sind Sie ein musikalischer Komponist?, wird er fast gekränkt sein: natürlich, ich bin doch Komponist. Ich hoffe auf eine Zeit, in der die Kirche genauso reagiert auf die Frage: Seid ihr diakonische Kirche? Klar, wir sind doch Kirche.

(nicht veröffentlicht)

Ist unsere Theologie noch zu retten?

Über Sinn und Unsinn theologischer Aussagen in der Diakonie

Es ist jetzt vierzig Jahre her, daß ich, noch Schüler, mein erstes theologisches Buch las: Karl Barths Grundriß der Dogmatik, aus Vaters Bücherschrank genommen. Damals schon packte mich Theologie, und sie hat mich bis heute nicht losgelassen. Ihre Faszination spürte ich besonders deutlich, als ich vor gut 25 Jahren Mitarbeiter in der Diakonie wurde. Denn ich merkte schnell, daß Diakonie theologisch stark unterernährt war: der barmherzige Samariter, die „geringsten Brüder“ und das Stichwort „Nächstenliebe“ – das darf doch nicht reichen! „Leib Christi“, „Haushalterschaft“, „Schöpfung“: große theologische Begriffe schrien geradezu danach, im Kontext von Diakonie neu durchbuchstabiert zu werden. Meine Vorstellung war: Diakonie muß mehr Theologie treiben. Anders gesagt, allgemeiner: Lange habe ich geglaubt, Kirche und Diakonie müsse es besser gehen, wenn beide mehr Theologie an sich heranließen. Und ebenso meinte ich: Kirche und Theologie müsse es besser gehen, wenn beide mehr Diakonie an sich heranließen. (In die Systematik würde jetzt passen: Theologie und Diakonie müsse es besser gehen, wenn beide mehr Kirche an sich heranließen – aber dieser Aspekt war nicht deutlich in meinem Blick.) Und genau diese damalige Sicht der Dinge scheint mir heute recht naiv gewesen zu sein: Wäre denn schon ein Zusammenrücken tatsächlich eine Hilfe? Ist wirklich „Theologie“ eine Größe, die es Kirche und Diakonie besser gehen lassen könnte? Und ist andererseits „Diakonie“ eine Größe, durch die Kirche und Theologie genesen könnten? Um meine Denk-Richtung deutlich zu machen, überzeichne ich einmal bewußt und sage: Wenn Theologie für Kirche und Diakonie eine Hilfe sein soll, muß sie sich zuvor gründlich ändern. Ganz kraß: Jedes „mehr“ an Theologie (an dieser Theologie; an derzeitiger Theologie) brächte Kirche und Diakonie den nächsten Fieber-Schub. Ebenso müßte ehrlich gesagt werden (davon allerdings soll im folgenden nicht weiter die Rede sein): Jedes „mehr“ an Diakonie (an dieser Diakonie, an derzeitiger Diakonie) brächte Kirche und Theologie näher an den Abgrund; das aber hieße: Soll Kirche einigermaßen Kirche bleiben, soll Theologie ein bißchen ihren Namen verdienen, müßte man beide davor warnen, mit der heutigen Diakonie anzubändeln. Doch zurück zu meiner Theologie-Kritik: Wenn Kirche und Diakonie nicht total ruiniert werden sollen, müßte man sie warnen, sich von der heutzutage beklatschten Theologie weiter infizieren zu lassen. – Ohne Zweifel habe ich jetzt übertrieben. Mit dem bisher Gesagten wollte ich nur die Richtung meiner Gedanken verdeutlichen; natürlich bin ich da über’s Ziel hinausgeschossen; ich muß also differenzieren. Was ich tatsächlich meine, ist dieses: Theologie hat es heute unbedingt nötig, mutig einen dritten Schritt zu tun, nachdem sie unter Kämpfen und Krämpfen in den letzten hundert Jahren gelernt hat, zwei andere wichtige Schritte zu vollziehen. Genauer: Theologie hat bereits begriffen, daß sie lange Zeit politisch und sozial eine falsche Koalition eingegangen war (Gott will das Rechte – Thron und Altar; und: Reichtum ist Zeichen des göttlichen Wohlgefallens – ich hörte neulich von einer kirchlichen Gruppierung, die zwei Gründe für den Ausschluß kannte: Ehescheidung und Bankrott!). Inzwischen haben wir einigermaßen gelernt, daß (politisch) Christus nicht gegen die Kommunisten gestorben ist (Gust. Heinemann vor Jahren im Bundestag), und daß (sozial) Christus der Bruder der Armen ist (Befreiungstheologen, aber nicht nur sie). Heute müssen wir sogar aufpassen, daß wir nicht bei den gegenteiligen, ebenso falschen Koalitionen landen, als sei Christus links, als sei Armut schon die „halbe Miete“, um in den Himmel zu kommen. – Nun zu meiner Kritik an der heutigen Theologie: Ich behaupte: Was wir im politischen und im sozialen Bereich gelernt haben, übersahen wir bisher fast völlig im vitalen Bereich: Da schwebt uns weiterhin naiv die Koalition Gottes mit „Kraft“, „Gesundheit“, „Selbständigkeit“, „Energie“, „Schönheit“ usw. vor. Um mit Johannes Degen zu sprechen: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß wir einen „Gott der Menschen ohne Behinderung“ anbeten, daß dieser Gott ein Götze ist und daß wir an der „Demontage“ dieses Götzen arbeiten müssen (J.Degen, Diakonie im Widerspruch, 1985, S. 41f). An dieser Demontage zu arbeiten, erfordert Durchhalte-Vermögen, weil man sich nämlich dabei rasch den Vorwurf einhandelt, man verherrliche das Leiden. Das wäre natürlich Humbug; denn wie es keine Christus-Koalition mit „links“ und „arm“ gibt, so auch keine mit „behindert“. Wie Christus quer steht zu Mann/Frau, Sklave/Freier (vgl. Gal 3,28 usw.), so auch zu arisch/jüdisch, gesund/krank, rechts/links, reich/arm und anderen Alternativen, die uns oft arg wichtig sind. Mir macht es allerdings Schrecken, wenn ich sehe, wie naiv auch bekannte Theologen die Koalition Gottes mit der Gesundheit voraussetzen bzw. sie theologisch massiv unterfuttern. So behauptet Manfred Josuttis unter (fälschlicher!) Berufung auf Karl Barth, der Wille zur Gesundheit stelle einen Gehorsamsakt gegen das erste Gebot dar (M.Josuttis, Praxis des Evangeliums zwischen Politik und Religion, 1974, 4. Aufl. 1988, S.131); damit wird ausgesagt: Gesundheit ist nicht nur eine gute Gabe Gottes, die wir ehren und achten sollen wie die Eltern (4. Gebot), die Ehe (6. Gebot) usw.; sondern in ihr geht es ums Ganze: wer die Gesundheit antastet, tastet Gott an; wer sie nicht ernst nimmt, treibt Götzendienst. Noch anders: Das bekannte vulgär-religiöse „Hauptsache gesund!“ unserer Geburtstags- und Neujahrs-Begrüßungen wird hier göttlich geadelt, es wird Gott selbst gewissermaßen in den Mund gelegt. Ausführlich (ich kann das jetzt nur andeuten; vgl. hierzu: U.Bach, Heilende Gemeinde?, 1988) müßte nun die Rede sein von einem Sprachgebrauch, der sich auch in Veröffentlichungen aus dem Bereich der Diakonie findet, nach dem Heil und Heilung so eng zusammengehören, daß Heilung ein Teil des Heils wird, das Gott uns Menschen zugedacht hat. Von der Bibel her ist das eine glatte Ketzerei, denn in der Schrift wird auch dem Menschen, der nicht geheilt wird, Gottes ganzes Heil zugesagt (z.B.: II Kor 12,9). Ein weiteres Beispiel möchte ich breiter darstellen; es ist bisher das letzte, das ich kennenlernte. Es hat zunächst mit Diakonie gar nichts zu tun, da es (scheinbar!) nur um zentral-theologische Fragen geht. Jeder, der lesen gelernt hat, merkt aber rasch, daß hier sofort diakonische Thematik mit angesprochen ist. Für die nicht-theologischen Leser muß ich knapp folgendes vorausschicken: In der Theologie wird unterschieden zwischen dem „offenbaren“ Gott (Gott, wie er sich uns in Christus geoffenbart hat; Theologen sagen: „deus revelatus“; was Gott in der Christus-Offenbarung tut, also unsere Rettung, seine Liebe zu uns, ist sein eigentliches Tun, lateinisch: „opus proprium“) und auf der anderen Seite dem „verborgenen“ Gott (Gott außerhalb der Christus-Offenbarung; Theologen sagen: „deus absconditus“; sein Tun ist unverständlich, ja sogar un-eigentlich, fremd, lateinisch: „opus alienum“). Diese Begrifflichkeit kann etwa herangezogen werden, wenn von Zachäus und Judas die Rede ist: Christus zeigte (offenbarte) sich dem Zöllner Zachäus so, daß der an ihn glauben konnte, daß ihm das „Heil widerfuhr“ (Lukas 19,9); aber wie sieht es mit Judas aus? Mußte der Jesus verraten? Konnte Gott das nicht verhindern – oder wollte er das nicht verhindern? Hier soll nun gesagt sein: Auch dieses Geschehen ist nicht außerhalb der göttlichen Herrschaft, aber es ist uns Menschen absolut „verborgen“ und „fremd“; wir können es nicht verstehen, nicht begründen, nicht nachrechnen. – Außerordentlich wichtig ist es, wenn man diese Begrifflichkeit benutzt, sie sauber zu benutzen; das heißt: streng durchzuhalten, daß es die göttliche Offenbarung wirklich nur in Christus gibt, und daß alles andere (das was uns paßt, und was uns nicht paßt; was wir meinen, verstehen zu können, und was wir „überhaupt nicht mehr verstehen“) auf die Seite des „verborgenen Gottes“ gehört. H.J.Iwand schrieb in seinen „Erläuterungen“ zu Luthers „De servo arbitrio“ (dt.: Vom unfreien Willen) (Münchener Luther-Ausgabe, 1.Band der Ergänzungsreihe, S. 260), auf die Seite des verborgenen Gottes gehöre Gottes gesamtes „Wirken in Natur und Geschichte…, in allem, was unter der Sonne geschieht“; also nicht nur das Tausende hinraffende Erdbeben, sondern auch der herrlichste Sonnenuntergang im Urlaub, nicht nur -ich nähere mich dem Thema der Diakonie- die Vierzigjährige, die vom Krebs scheinbar sinnlos und offenkundig qualvoll zerstört wird, sondern auch die Neunzigjährige, die, ohne je ernstlich krank gewesen zu sein, lebenssatt für immer „einschläft“: Warum Gott dieses und das tut, warum er dem einen Menschen dieses und dem anderen etwas ganz anderes zuweist, das wissen wir nicht; es ist uns total verborgen. Gesagt, „offenbart“ ist uns nur: Gott ist uns allen gnädig. Nun aber endlich zum angekündigten schlimmen Beispiel! Im April-Heft dieses Jahrganges der Zeitschrift „Pastoral-Theologie“ findet sich auf Seite 180 folgender Satz: Luther arbeitet „… mit der Unterscheidung zwischen dem in Christus offenbaren Gott und dem verborgenen Gott, dem opus proprium (Vergebung, Erbarmen, Heilung) und opus alienum (Tyrannei, Krankheit, Tod) …“ Hier wird die oben erklärte Begrifflichkeit benutzt, aber (was die beiden Klammern betrifft) in keiner Weise sauber durchgehalten. Jetzt wird nämlich behauptet: Auf die Seite des in Christus offenbaren Gottes, in sein „eigentliches“ Tun, gehört nicht nur die Vergebung, mein Heil, die mir zugesprochene Gnade, sondern ebenso auch mein Gesundsein; daß ich sehen, denken und hören kann, und daß ich durch Christus Gottes Kind bin (I Joh 3,1): beides gehört angeblich miteinander in das für Gott typische Gnaden-Handeln. Alle Krankheit gehört (mit Gottes Zorn und Gerichts-Handeln; das steht nicht ausdrücklich da, aber das weiß jeder Theologie-Student, daß beides zum „opus alienum“ gehört) auf die Seite des verborgenen Gottes; was da geschieht, ist ein „fremdes“ Tun Gottes. Was in den beiden Klammern dieses Zitats geschieht, ist geistliche Stigmatisierung im Exzeß! Der Kranke ist nicht nur schlechter dran als der Gesunde, sondern er hat auch geistlich andere Karten, schlechtere, auf der Hand – die Karten, an die wir bei der Sintflut denken und beim Verräter Judas: gewiß war Gott auch da „irgendwie“ der Handelnde, aber wirklich nur „irgendwie“; „richtig“, direkt, eigentlich, sein wirkliches Gesicht zeigend (offenbarend) handelte Gott in Jesus Christus und da, wo er Menschen gesund sein läßt. Nicht etwa nur unsere dummen Vorurteile behaupten, Kranke und Behinderte seien „anders“, irgendwie weniger; nein, nein: angeblich auch von Gott her ist der Unterschied zwischen einem Kranken und einem Gesunden zu verstehen als der Unterschied zwischen einem Menschen, dem Gott zürnt, den er straft, und einem Menschen, dem er seine Liebe und Gnade schenkt. – Ich wüßte nicht, daß in Südafrika Apartheids-Theologen den Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen theologisch ähnlich fundamental festzurren, wie es hier mit dem Unterschied zwischen gesunden und kranken Menschen geschieht. Jedenfalls müßte ich den Begriff „theologischer Sozial-Rassismus“ heute erfinden, wenn er mir nicht schon vor sechs Jahren in den Sinn gekommen wäre (U.Bach, Dem Traum entsagen, mehr als ein Mensch zu sein, 1986, S. 27 und 135). Selbstverständlich behaupte ich nicht zu wissen, warum kranke Menschen krank sind; der Sinn der Krankheit ist niemandem von uns „offenbart“ worden. Ich bestreite aber, daß irgendjemand begründen und verstehen kann, warum gesunde Menschen gesund sind; auch dieses ist uns nicht offenbart worden. Anders gesagt: Ich widerspreche nicht, wenn ein Theologe, wie es in dem genannten Zitat geschieht, die Krankheit auf die Seite des „opus alienum“ (des fremden Tuns Gottes) bringt; ich protestiere aber, wenn er die Gesundheit auf der Seite des „opus proprium“ abbucht (da, wo alles zusammengestellt wird, worin Gott sein wirkliches Gesicht zeigt). Noch anders gesagt: Solidarität (der Gegenbegriff zum theologischen Sozial-Rassismus) ist nicht möglich auf der Ebene der Wissenden, auf der Ebene der Offenbarung (so als tue Gott uns auch im Bereich des Vitalen seinen Willen kund; so als könnten wir die mit Gesundheit und Krankheit zusammenhängenden Dinge verstehen), sondern nur auf der Ebene der an der Verworrenheit unserer Welt Herum-Rätselnden: Gott und sein Tun und seine Absichten sind uns „verborgen“, nicht was seine uns in Christus geschenkte Gnade angeht, wohl aber was die Frage betrifft, warum es manchem unter uns gesundheitlich so viel besser (bzw. schlechter) geht als vielen anderen Menschen. Ich komme zum Ausgangspunkt zurück: Theologie lernte bereits um, was links/rechts und was reich/arm angeht; sie muß allerdings noch umlernen im Blick auf gesund/krank usw. Wie sehr dieser Umlern-Prozeß noch aussteht, spürt jeder, der den Satz an sich heranläßt: ein schwerstbehindertes Kind ist genau so Gottes geliebtes und gutes Geschöpf wie das gesunde Kind der Nachbarn. Da sträubt sich manches in uns; und ich schlage vor, wir versetzen uns gedanklich in eine Diskussion um 1848, in der gerade jemand behauptet hat, Gott stehe dem König und seiner Polizei keinen Deut näher als den Randalierern (links und rechts hätten die gleiche Gottferne und die gleiche Gottnähe); die Mehrheit unserer theologischen Urgroßväter konnte offenbar gar nicht anders als theologisch empört zu sein; und trotzdem war der Satz richtig (so richtig, daß wir ihn uns bereits an den Schuhsohlen abgelaufen haben). Stellen wir uns vor: Jener gedachte Diskussions-Redner und seine Freunde hätten sich damals zum Schweigen bringen lassen, unsere Theologie sähe, beim Thema „links/rechts“ noch immer so schrecklich aus wie 1848. Entsprechend sage ich nun: Es ist im Blick auf Kranke, Behinderte und Altersschwache (also im Blick auf uns alle, sofern wir einmal mutig 10 bis 60 Jahre weiterdenken) absolut notwendig, daß unsere Theologie jetzt auch den genannten weiteren Umlern-Schritt vollzieht, und zwar nicht erst in wiederum anderthalb Jahrhunderten, sondern daß sie schon heute und morgen den Mut findet, Menschen, die im Vitalen sehr schwach sind, und Menschen, die im Vitalen sehr stark sind, als völlig gleichberechtigt zu erklären im Blick auf sämtliche theologischen Aussagen über uns Menschen. Andernfalls wären wir eine schlafende Kirche, unbrauchbar für die Aufgaben, die heute anstehen. Denn auch das läßt sich in der Parallele zu 1848 rasch erkennen: Wie damals, historisch wohl unbestritten, die deutsche Theologie rechtslastig war und darum jedes Aufmucken der Proletarier gegen die Obrigkeit als Ungehorsam Gott gegenüber interpretierte (und bekämpfte), wodurch die Arbeiter-Bewegung dem Atheismus geradezu in die Arme getrieben wurde (in den angelsächsischen Ländern war eine Koalition der dortigen Frei-Kirchen mit dem Staat nicht gegeben; vielmehr hielten diese Kirchen ihre Staats-kritischen Vorbehalte wach; darum waren sie fähig, für die den Staat kritisierenden Arbeiter als Freunde in Frage zu kommen; die dortige Arbeiter-Bewegung war infolgedessen nie so aggressiv atheistisch wie in Deutschland), so steht heute zu befürchten: Wenn unsere Theologie im Vital-Bereich weiterhin an der Koalition mit dem vulgär-religiösen „Hauptsache gesund!“ unbeirrt festhält, dann werden damit Behinderte, Kranke und Alte von Gott, Bibel und Kirche entfremdet und möglicherweise dem Atheismus oder irgendwelchen obskuren Religionen zugetrieben. Die Bibel nennt das: sie kämen zu Fall, ihnen, den kleinen Leuten, würde „Ärgernis gegeben“. Jesus sagte einmal: „Wer aber Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist“ (Mt 18,6). Hat unsere Theologie den Mühlstein verdient, oder ist sie noch zu retten? Quelle: Ulrich Bach, Ist unsere Theologie noch zu retten?. Über Sinn und Unsinn theologischer Aussagen in der Diakonie, in: Weltweite Hilfe, Zeitschrift des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau, 39.Jg. Heft 3, S. 23-28