Rezension Wolfgang Riewe

 

Rezension Wolfgang Riewe

Aus: 378872160X
Unsere Kirche, Evangelische Wochenzeitung für Westfalen und Lippe (Herausgeber und Chefredakteur: Wolfgang Riewe), 47/2006

Eine heilsame Provokation

Lebensbilanz  Der Theologe Ulrich Bach wendet sich gegen ein Denken, das er auch in der Kirche heute von Stolz auf Gesundheit und Stärke ebenso wie Diskriminierung Leistungsschwacher geprägt sieht

VON WOLFGANG RIEWE

Die Fenster des Krankenhauszimmers stehen weit offen. Das Quietschen der Straßenbahn hat ihn geweckt. Es erinnert den jungen Mann daran, wie er noch vor kurzem in der Straßenbahn nach der Chorprobe mit seiner Freundin nach Hause fuhr. Doch jetzt liegt er hier drinnen in diesem Sechs-Betten-Zimmer. Die Ärzte hatten bei der Visite ein bedenkliches Gesicht gemacht, als seine Beinmuskeln nicht die geringste Regung zeigten. Ihre Diagnose traf ihn hart: Kinderlähmung. „Werde ich  je wieder zu denen da draußen gehören?“, schoss es ihm durch den Kopf.

Damals  spürte der 21-jährige  Theologiestudent Ulrich Bach erstmals den scharfen Riss, der die Kranken von den Gesunden trennt. Später machte er es immer wieder zum Thema, dass behinderte Menschen im Denken von Kirche und Gesellschaft so gut wie nicht vorkommen. Als Pastor, der selbst im Rollstuhl sitzen musste, setzte er sich mit aller Entschiedenheit dafür ein, die Kluft zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu überwinden. „Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz“ – lautet der Titel eines neu erschienenen Buches, in dem Ulrich Bach mehr als 50 Jahre später Kirche und Gesellschaft unangenehme Wahrheiten ins Stammbuch schreibt.

In seiner über 500 Seiten umfassenden Lebensbilanz fragt der heute 75-Jährige: „Wie reden wir in der Kirche eigentlich von Gott?“ Seine Kritik: „Die Stärke gilt so sehr als Kennzeichen von Gott, dass alle Schwachheit – etwa die Schwachheit behinderter Menschen – als Ausnahme gleichsam gegen die Spielregeln verstößt.“ Gesundheit und Stärke werden seiner Ansicht nach häufig dem in Jesus Christus sich offenbarenden, liebenden Gott zugeordnet, Krankheit und Behinderung dagegen dem verborgenen Gott. Ständig werde von Christus als dem großen Helfer gesprochen, seine Schwachheit auf dem Weg zum Kreuz dagegen unterschlagen. „Sich helfen zu lassen, ist aber genauso ‚göttlich’, wie anderen zu helfen“, betont er. Und er nennt es „Sozialrassismus“ oder sogar „Apartheids-Denken“, wenn nur derjenige Anerkennung findet, der etwas leisten kann.

Starker Tobak. Ulrich Bach will mit diesen krassen Worten aber niemanden kränken, sondern einen „heilsamen Schmerz“ erzeugen. Warum? Damit Kirche und Theologie die Situation behinderter Gemeindeglieder endlich umfassend zur Kenntnis nehmen. Seine zentrale These lautet: Ob ein Mensch Mann ist oder Frau, blind oder sehend, dynamisch aktiv oder pflegeabhängig – von Gott her ist das ohne Bedeutung. Die Gemeinde als „Leib Christi“ muss, so Bach, eine „Gegenwirklichkeit zum Apartheid-Denken“ bilden. Sie ist eine Gruppe sehr unterschiedlicher, aber völlig gleichwertiger Menschen.

„Bausteine einer Theologie nach Hadamar“ lautet der Untertitel dieses tiefgründigen Werkes, das stark durch die Biografie Bachs geprägt ist. In Hadamar, nördlich von Limburg, wurden 1941 über 10 000 behinderte oder psychisch kranke Menschen im Rahmen des Euthanasie-Programms ermordet.  Wie Auschwitz für den Holocaust ist Hadamar daher zu einem Symbolbegriff der Euthanasie geworden. Bach, der lange Jahre Pastor in den Orthopädischen Anstalten Volmarstein war, stellt mit seinem Buch die aufrüttelnde Frage, ob die heutige Gesellschaft – und auch die Kirche –wirklich mit dem Denken, das Hadamar ermöglichte, gebrochen hat.

Bach, der in Kierspe-Rönsahl (Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg) lebt, kämpft für den Abbau aller spaltenden Strukturen. Behinderte Menschen dürfen keineswegs zu „Objekten“ der helfenden „Subjekte“ werden. Er betont zu Recht den „einen Leib Christi“ und spricht von der Kirche als „Patienten-Kollektiv“. Gemeinsam mit behinderten Menschen das vom Leistungsdenken befreiende Evangelium zu entdecken, auf die Schwächsten zu hören, von ihnen zu lernen, ist Ulrich Bachs Anliegen: „Sind wir unterwegs zu den Menschen in Gefängniszellen und Krankenhäusern, in Selbsthilfe-Gruppen und Behinderten-Anstalten, nicht nur um zu helfen, sondern um hier Theologie zu lernen?“ Eine Frage, die schon Friedrich von Bodelschwingh 1906 im Blick auf die kranken Kinder von Bethel so beantwortete: „Hier sitzen die Professoren, die uns beibringen, was Evangelium und was Gotteskraft ist.“

Auch Ulrich Bach ist ein großer Lehrer für Kirche und Diakonie, dessen bleibendes Vermächtnis in diesem tiefgründigen theologischen Buch noch einmal auf den Punkt gebracht worden ist. Viele werden seine These, dass Stolz auf Gesundheit und Stärke ebenso wie Diskriminierung von Leistungsschwachen auch heute noch das Denken in Gesellschaft und Kirche bestimmen, als Provokation empfinden. Es ist aber wohl eine heilsame Provokation, zu der der Theologe im Rollstuhl herausfordert. „Wie kann sich die Kirche von dem Zeugnis leiten lassen, das Christus durch behinderte Menschen ablegt?“ Diese Frage wartet nach wie vor auf Antwort.

Ulrich Bach: Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz. Bausteine einer Theologie nach Hadamar. Neukirchener Verlag, 512 Seiten, 34,90 E.

 

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