Mt 25 - Jesu Kirche: Patienten-Kollektiv

 

  1. Kirchentag 1993 München
  2. Kirchentag 1987 Ost-Berlin

1.

Ulrich Bach
Jesu Kirche als Patienten-Kollektiv

25. Deutscher Evangelischer Kirchentag,
München (9. bis 13. Juni 1993)

(Kirchentags-Losung: Nehmet einander an)

Überlegungen zum Kirchentags-Bibelarbeits-Text Mt 25, 31 - 46

(Hinweis: Dieser Text war gedacht als eins von mehreren Referaten auf einem vorbereitenden "Kichentags-Bibelarbeiter-Treffen". Da dieses Treffen kurzfristig abgesagt werden mußte, wurde mein Text als Kopie denen zugeschickt, die für eine Bibelarbeit zu Mt 25 vorgesehen waren.)

Meine Damen und Herren!

Sie kennen die Anekdote: Ein hochrangiger deutscher Politiker beginnt seine Rede in Afrika mit den Worten: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!" Was hat dieses Geschichtchen mit Mt 25 zu tun? - Da muß ich etwas ausholen: Unser Bibeltext hat mir lange Zeit Unbehagen bereitet. Ich konnte nicht sagen, was mich da störte, bis mir vor Jahren eine Mitarbeiterin ein Licht aufsteckte: Wir saßen da, eine recht große Gemeinde, beim Festakt zum soundsovielten Jubiläum eines Behinderten-Wohnheimes. Der Redner erging sich, wie es in der Diakonie keine Seltenheit ist, in dankbaren und lobenden Worten über unsere Behinderten-Arbeit, was man gern mit Mt 25 garniert: Die Mitarbeiter haben dem Ruf Jesu Folge geleistet und sich hingewandt zu Jesu "geringsten Brüdern". Niemanden schien es zu stören, daß mit den "geringsten Brüdern" ja wohl die Männer gemeint sein mußten, die, in ihren Rollstühlen sitzend, zahlreich im Raum zugegen waren. Zehn Jahre im Heim wohnen, das heißt also (der Festredner sagt es, und alle scheinen zuzustimmen): zehn Jahre "geringster Bruder" derer sein, die vielleicht Brüder sind, aber beileibe keine geringsten Brüder. Nein, jemand stimmte nicht zu; die Mitarbeiterin, die hinter mir saß, brachte ihren Protest nicht laut vor, doch so, daß ich's verstehen konnte; sie zitierte einfach jenen Satz: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!"

Plötzlich war mein undefiniertes Unbehagen auf den Punkt gebracht: Mögen noch so viele diakonische Aktionen auf Mt 25 zurückgehen, da mischt sich noch anderes hinein, total Undiakonisches, etwas Stolzes, Dünkelhaftes, Abständiges: Wir, die einen: die Stärkeren, die Normalen, die irgendwie Besseren - die anderen: die Schwächeren, die nicht ganz Normalen, die - wie sagte Jesus so schön? - die "Geringsten".

Hat Jesus das wirklich gesagt? Und mir fallen Situationen ein, die mir in dieser Hinsicht Unbehaben bereiteten:

a) Der Diakonen-Schüler, der von einem schwerbehinderten Mann im Wohnheim gefragt wird: Warum machst du das alles - noch an deinem freien Wochenende schreibst du Briefe für die, die nicht schreiben können! Antwort: Ich mach das, weil ich meinen Heiland so lieb habe. Noch heute freue ich mich über das, was er da zu hören bekam: Ach du Sch...!, ich hatte gedacht, du hast uns ein bißchen lieb.

b) Die EKD-Umfrage (1984). Da wird erkundet, für was die Befragten am liebsten spenden würden. Reichlich für Altenheime und Behindertenhilfe; spärlich für die Renovierung der Orgel. Der offizielle Kommentar: Man spendet lieber für diakonische Aufgaben als für "binnenkirchliche" Zwecke! Das heißt also: Alte Menschen und behinderte Menschen kommen nicht im Binnenraum der Kirche vor; das heißt also: Von der Kirche Jesu können wir reden, ohne daß wir von Alten und Behinderten reden! Kein Wunder, daß diese Gruppen dann in die Nähe der Exoten geraten.

c) In den Kommentaren der EKU zu Barmen III gibt es Ausführungen zum Thema Diakonie, und hier bezieht man sich auf Mt 25. Interessant, wie man das beides zusammenbringt: die Kirche der Brüder (der Geschwister), Barmen III, und: die Sache mit den geringsten Brüdern, Mt 25. Wie das zusammenzubringen wäre, muß von Barmen III her klar sein: Wenn wir inmitten der Welt der Sünder die Schar der begnadigten Sünder sind, dann gibt es absolut kein Gefälle von oben nach unten: Wir sind nicht besser, wir sind allenfalls besser dran: wir können ein Lied davon singen, was Gnade heißt (die anderen sind nicht schlechter, sie hatten nur keine Gelegenheit, dieses "Lied" kennenzulernen). Und der EKU-Kommentar? Er behauptet, Diakonie bestehe darin, daß die Kirche der Brüder Verbindung aufnähme zu den geringsten Brüdern Jesu! Die "Brüder" auf dem Wege zu den "geringsten Brüdern": plötzlich ist ein Gefälle da, in krassem Gegensatz zu Barmen (aber etwa in Übereinstimmung mit Mt 25?).

So also sieht es aus, wenn es die "Damen und Herren" auf der einen, die "lieben Neger" auf der anderen Seite gibt. Und damit sind wir - wieder einmal - abgerutscht in eine Apartheidstheologie: da stehen die einen oben, die anderen unten; da sind die einen Gott näher und lassen sich von ihm zu den anderen, zu den Ferneren, senden; da plant die "Kirche der Brüder" ihren diakonischen Großeinsatz zugunsten der "geringsten Brüder". Aber hat es Matthäus nicht tatsächlich so gepredigt? Hat er nicht gesagt: Am Jüngsten Tage werde Jesus kommen, und dann stehen alle vor ihm: Christen und Heiden? Hat er nicht gesagt, Jesus werde dann alle fragen, was sie getan haben, was sie den Menschen in Not, was sie seinen geringsten Geschwistern, getan haben? Hat er damit nicht gesagt, daß die Menschen in Not Jesu "geringste" Geschwister sind? Nein, er hat etwas total anderes gesagt. Zunächst aber eine Zwischenüberlegung:

Von welcher Seite betrachten wir das gotische Fenster? 

Von wem der folgende Vergleich stammt, weiß ich nicht mehr (Karl Jaspers?), jedenfalls sieht er so aus: Da stehen viele Menschen an einem sonnigen Tage vor einem mittelalterlichen Dom. An dieser Stelle möchte ich den Vergleich sofort ändern und von einem mittelalterlichen, in gotischem Stil kunstvoll gebauten Hospital sprechen. Die vielen Menschen betrachten nun, herumrätselnd, die herrlichen farbigen Glasfenster des Hospitals, können sie aber nicht eindeutig erkennen. Da sie auf der Sonnenseite stehen, sehen sie nur dunkle, farblich kaum zu unterscheidende Flächen; sie kommen über ein kontroverses Fragen und Deuten nicht hinaus. Schließlich geht einer von ihnen in das Hospital hinein; jetzt ist er da, wo man Eiter und Verstümmelungen sieht; jetzt ist er da, wo es nach menschlichen Ausscheidungen und Ausdünstungen riecht; jetzt steht er auf der Schattenseite, was aber eben auch bedeutet: Er sieht die Fenster gegen den hellen Himmel, sieht die leuchtenden Farben der Fenster. Damit sind die Geheimnisse aufgelöst; die Bilder geben keine Rätsel mehr auf: dieses ist ein Weihnachtsbild, jenes eine Osterdarstellung, das sieht doch jedes Kind.

Aus welcher Perspektive lesen wir die Bibel, zum Beispiel Mt 25? Wenn wir auf der Sonnenseite stehen, können wir dieses Kapitel vielleicht nicht anders verstehen, als eben angedeutet. Das Bild ändert sich aber radikal für den, der im Hospital zu Hause ist; für den also, der davon ausgeht (das ist keine späte, einmalige, erst durch Mt 25 vermittelte Erkenntnis), daß Jesus sich mit den Verachteten und an den Rand Gedrängten solidarisiert. Mögen im Neuen Testament recht unterschiedliche Akzente gesetzt sein; eins wird nie behauptet: daß die Starken Gott näher seien als die Schwachen. Die Verachteten und Kleinen sind nicht etwa die "Ferneren", zu denen die "Brüder" gesandt werden; sie sind Jesu naher Geschwisterkreis. Sie sind ihm so nahe, daß die anderen entweder mit ihnen Jesu Gemeinde sind, oder sie sind es gar nicht.

Aber ist nicht auch dieses eine Art Apartheidstheologie, dieses Mal nur anders herum? Sind jetzt die Schwachen die "eigentlich" zu Jesus Gehörenden, und die übrigen wären es nur indirekt? - Ich glaube, nicht. Ich glaube nicht einmal, daß man im Hospital sein muß, um das zu sehen, was diejenigen sehen, die im Hospital wohnen. Manche der draußen Stehenden warten geduldig bis zum Abend; wenn dann, nach Sonnenuntergang, die Kranken aktiv bleiben und etwas Licht machen, kann man auch von außen die Bilder erkennen. Man muß also vielleicht nicht selber ins Hospital gehen; nötig aber scheint zu sein, sich geduldig ein bißchen abhängig zu machen von den Kranken; darauf zu warten, daß die Kranken tätig werden und dadurch den Gesunden die Augen öffnen. Kurz: Nötig ist heute für uns alle, für Kirche und Theologie, ein Perspektivenwechsel. Es ist der gleiche, von dem unsere Geschwister in Lateinamerika reden: das Evangelium von den Armen her lernen. (Das ist kein lateinamerikanisches Thema, das ist ein ökumenisches Thema.)

Nehmen wir also dieses "Glasfenster Mt 25" aus der Innen-Perspektive des Hospitals in Augenschein:

Der Weltenrichter erscheint "in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm". Ich schaue die Begleitung des Weltenrichters an und erkenne Petrus und Paulus und andere Jünger. Mir fällt ein, daß auch im übrigen Judentum diese Vorstellung zu finden ist: Wenn der Messias kommt, wird er etwa von Henoch und Elias begleitet (4. Esra 7,28). Hier kommt Jesus als der Weltenrichter: Jesus, als König der Juden, trug bekanntlich eine Dornenkrone. Wenn Jesus nun, wenn dieser König, zum Weltgericht erscheint, besteht seine Herrlichkeit im Kranz der geringsten Brüder; die elend mickrigen Apostel bilden die Ehrengarde des auferstandenen Gekreuzigten (vgl. oben: die Geringsten sind Jesu naher Geschwisterkreis). Denn tatsächlich, diese Begleitung des Weltenrichters wird von ihm so genannt: meine "geringsten Brüder". (Schon 1901 konnte es H. J. Holtzmann in seinem Synoptiker-Kommentar, S. 288, nur so sehen, daß "die Gäubigen selbst ... bereits beim Thron des Königs außerhalb des Gerichts stehen ... von ihrer Sichtung war ja schon früher die Rede": 24,51; 25,12-30.) Mir fallen Jesu Zeigefinger auf: Seine Hände weisen seitlich nach unten, wie wir es kennen vom Thorvaldsen-Christus. Anders ist nur, daß er mit den Zeigefingern auf die Umstehenden zeigt: was ihr diesen meinen geringsten Brüdern getan habt. Gericht, aber Ruhe; großer Ernst, aber Friede - das sind die "Farben" dieses Bildes.

Ich überlege: Wie bewegt Jesus wohl seine Hände bei jenem anderen Verständnis, wenn also alle Menschen in Not seine geringsten Brüder genannt würden? Dann müssen sich die Gemeinten, dann müssen sich diese Menschen irgendwo zwischen denen befinden, die hier "alle Völker" heißen. Denn eine umgrenzte Gruppe können sie nach dieser Interpretation kaum bilden, da sie weder "alle Völker", noch die auf die linke Seite, noch die auf die rechte Seite Sortierten sind; sie müssen sich irgendwo und überall zwischen den unzählig Vielen befinden; sehr gewagt ist es, trotzdem "diese" zu sagen, als sei doch von einer Gruppe die Rede. Mit einem Mal gerät daher in meiner Phantasie der Weltenrichter notgedrungen in eine sagenhaft verkrampfte Hektik: was ihr diesen und diesen und diesen "geringsten Brüdern" getan habt: Jesu Finger hopsen von hierher nach dorthin; er pickt, aufgeregt gestikulierend, in die Menge. - Hektik oder Ruhe: welches Bild ist das von Matthäus gepredigte? - Da fällt mein Blick auf ein anderes Fenster: Es stellt Mt. Kap. 10 dar, und Jesus nimmt eine sehr ähnliche Körperhaltung ein: Wer einem von "diesen" (!) Geringen (!), einem von meinen Jüngern, auch nur einen Becher Wasser reicht, dem soll es am Ende der Tage nicht unbelohnt bleiben. Sonderbar: Dieses "Fenster" wird auch von "außen" so erkannt, daß hier "diese Geringen" fraglos Jesu Jünger sind. Ist das bei Mt 25 so viel schwerer zu erkennen? In beiden Fällen drei Personen bzw. Gruppen: Jesus, seine geringen Jünger und die anderen; und es geht beidemal um die Frage, ob "die anderen" den Jüngern Jesu ihr Elend ein wenig gemildert haben oder nicht. Was für dieses "Fenster" klar ist, kann bei jenem nicht plötzlich total anders gemeint sein. Demnach zeigt auch in Mt 25 Jesus auf seine Jünger, wenn er von seinen "geringsten Brüdern" spricht.

Das Bild strahlt nicht nur Ruhe aus, auch Trost. Wer euch hört, der hört mich - Jesus solidarisiert sich mit seinen Predigern, das kennen wir. Wie aber, wenn die Prediger nicht predigen können, weil sie krank sind; nicht predigen können, weil man sie ins Gefängnis warf; nicht predigen können, weil sie in fremde Länder entweichen mußten, wo sie die Sprache nicht beherrschen - wie dann? Hat unser Meister uns jetzt vergessen? Der Evangelist predigt: Auch dann solidarisiert sich Jesus mit uns; so sehr tut er das, daß der Heide, der uns unser Elend ein bißchen erleichterte, von Jesus angesehen wird als einer, der Jesus geholfen hat. - Ist es Zufall, daß mein Blick auf ein anderes "Fenster" fällt, auf das Fenster von Mt 2? Da liegt das Wickelkind, und vor ihm knien die Heiden. Heiden, die reicher sind als das Kind. Heiden, die dem Elend dieses Kindes ein bißchen aufhelfen können. Die Sterndeuter bringen dem Kind neben Weihrauch und Myrrhe eben auch Gold; und dieses Zahlungsmittel wird bald gebraucht werden für die Flucht nach Ägypten. Was wäre geworden aus unserem Weltenretter, wie hätte er jemals der Weltenrichter werden können, wenn ihm Heiden nicht das getan hätten, was sie taten: sie finanzierten seine Flucht? - Das also predigt Matthäus: Laßt euch die Hilfe der Heiden gefallen; vertraut euch dem himmlischen Vater an, der Sonne und Regen gibt; der die Lilien auf dem Felde kleidet (wie eigentlich?: mit Sonnenschein und Regen), der auch euch versorgen kann (wie eigentlich?: mit den Raben, die dem Elia Speise bringen; mit Sterndeutern, die dem Krippenkind Gold brachten; mit einem Gefängniswärter, der dem Paulus in Cäsarea eine Sonderration zuschiebt; mit einem Gestapo-Mann, der für Bonhoeffer einen Brief nach draußen schmuggelt). Vertraut euch dem himmlischen Vater an; seid nicht besser als die Heiden, steht nicht ein paar Stufen über ihnen; gönnt ihnen die Rolle, euch zu helfen; seid nicht zu stolz, ihnen "danke" zu sagen - dann seid ihr meine Brüder, Brüder des armseligen Krippenkindes; dann seid ihr meine "geringsten Brüder".

An anderer Stelle führte ich für diese These noch weitere Begründungen an ("Dem Traum entsagen, mehr als ein Mensch zu sein", S. 73 ff). Natürlich bin ich nicht der einzige, der sie vertritt. Klaus Wengst sagte mir telephonisch, sie finde sich auch im jüngsten Mt-Kommentar (von Graham N. Stanton, 1992). Zusätzlich zu dem dort ("... Traum ...") Gesagten jetzt noch ein weiteres Argument. Ich frage nach dem Motiv: "Indem ich den Armen etwas gebe, gebe ich Christus etwas". Dieses Motiv wird in Mt 25 als ein zweifellos ehrenwertes Motiv eingesetzt. Wie ist es zu erklären, daß dieses Motiv auch kränken kann (ich erinnere an das, was ich vom Diakonenschüler erzählte)? - Wenn ich die Dinge richtig erspüre, kommen wir der Sache auf den Grund, wenn wir den Satz "ich habe mit ihm (im Grunde) nichts zu tun" (bzw.: "ich habe mit ihm etwas - oder: sehr viel - zu tun") ins Spiel bringen. Zwei Beispiele: a) Nach einem Streit bitte ich meine Frau um Verzeihung. Wenn sie dann sagen würde: ich verzeihe dir, denn du bist ein Bruder Jesu, dann müßte mich das kränken (eben weil zwischen den Zeilen gesagt ist; im Grunde habe ich mit dir nichts zu tun). b) (Dieses Beispiel beruht auf Tatsachen:) Mein Onkel lädt im Mai 1945 einen amerikanischen Soldaten der Besatzungsmacht privat zum Kaffee ein, von dem er per Zufall hörte, daß er (wie er selber) evangelischer Pfarrer sei. Auch diese Begründung (mindestens, wenn sie deutlich ausgesprochen wird) denkt im Muster: an sich haben wir miteinander nichts zu schaffen; und trotzdem wurde sie nicht als Kränkung empfunden - warum nicht? Der Grund kann nur darin bestehen, daß hier zwei Menschen durch das Argument "wir sind doch beide ..." näher zusammengerückt werden; im Beispiel "a" dagegen wurde durch das gleiche Denkmuster eine lange bestehende enge Verbindung gelockert. - Wenn Mt 25 so verstanden wird: Wir (auch wir Christen) sollen den Notleidenden helfen, denn sie sind Jesu Geschwister, dann wird damit (ungewollt) behauptet: an sich haben Christen mit Notleidenden nichts zu tun - das wäre eine unbiblische und unmenschliche Aussage (diese Aussage hat zumal in einem Evangelium, das auch den Satz Mt 7,12 bringt, keinerlei Chance). Wenn dagegen Mt 25 anders verstanden wird, nämlich so: Heiden lindern gelegentlich die Not, in die Christen geraten, und sie tun es mit der Begründung, daß diese anderen Christen, daß sie Brüder Jesu sind, dann ist auch jetzt mitzuhören: an sich haben wir (Heiden) mit euch Christen ja wenig zu schaffen; aber diese Aussage ist durchaus legitim: Die Sache Jesu hat mich noch nie überzeugt; aber geschadet hat sie gewiß auch nichts, jedenfalls will ich nicht zulassen, daß Jesu Leute Hunger leiden. Mit solchem Denken und dem entsprechenden Tun bringen sich Heiden in Verbindung mit der Sache Jesu, und zwar so eindeutig, daß diese Verbindung am Jüngsten Tage vom Weltenrichter als fest bestätigt wird. - Und was ist mit alledem den Christen gesagt (Matthäus hält keine Rede an die Heiden, er predigt nicht zum Fenster hinaus)? Den Missionaren Jesu wird der Blick dafür geöffnet, daß sie unter Umständen auch dann Missionare bleiben, wenn sie keine Gelegenheit zum Predigen haben (s.o.): Ihr streckt eure Hände nicht nur aus, um andere zu taufen und sie so in Verbindung mit Christus zu bringen; ihr streckt gelegentlich die Hände aus, um ein Stück Brot zu erbetteln, und auch auf diese Weise bringt ihr Menschen mit Christus in Verbindung. (Ein Nebengedanke: Der unmittelbare Kontext, Mt 25, 14-30, könnte einen Apostel, der krank oder gefangen ist, ängsten: Sind jetzt die mir anvertrauten Pfunde nicht gegen meinen Willen vergraben? Bin ich somit vielleicht ein "böser und fauler Knecht" [Vers 26]? Nein, denn unser Herr erntet auch da, wo er nicht gesät hat [Vers 24.26]: Gott kann - durch seine Apostel! - auch da Menschen mit sich in Verbindung bringen, wo die Apostel das Wort nicht "ausstreuen" konnten; noch einmal: 24 und 26.) - Vorhin sahen wir: Bewohner des Hospitals sind zuweilen Jesu Boten, die den anderen die Augen öffnen. Dem entspricht jetzt: die Apostel bleiben, auch wenn es sie ins Hospital verschlagen hat, Jesu Boten. Denn Jesus solidarisiert sich umfassend mit seinen Jüngern: nicht nur für die Situationen, in denen sie predigen (können), sondern auch für die Zeiten, in denen es ihnen elend geht.

"Jesu geringste Brüder" - das ist unser Würdename, darüber kommen wir nicht hinaus. Mehr kann es nicht geben für einen, der dem nachfolgen will, vor dem die Sterndeuter knieten. Mehr kann es nicht geben für einen, der sich zu dem zählt, der seine Jünger gebeten hat: wacht eine Stunde mit mir; der sich von einem heidnischen Soldaten sterbend den Schwamm reichen ließ.

Die "geringsten Brüder" - Titel für Exoten oder Nomen Ecclesiae?

Habe ich den Text jetzt zerstört, mindestens für den vorgesehenen Zweck? War er nicht für den Kirchentag ausgesucht als ein Text, der uns aufruft zu mehr Menschlichkeit: Helft den Arbeitslosen; kümmert euch um Asylanten; protestiert, wenn "Spastis geklatscht" werden; mischt euch ein bei den Nord-Süd-Fragen! Ist Matthäus 25 jetzt für all so etwas nicht völlig unbrauchbar geworden? Auf den ersten Blick: gewiß ja; denn unmöglich geworden ist jedes forsche "los, ihr Brüder und Schwestern, Ärmel hoch; wir wollen den geringsten Geschwistern helfen, denn in ihnen helfen wir unserem Herrn". Aber vielleicht ist das gerade gut so? Gut auch für die Diakonie, gut für alles kirchliche Sozial-Engagement? Vielleicht wird jetzt erst Solidarität wirklich möglich.

Denn wenn "ich" zu den Kranken und Hungernden gewiesen werde, setzt das voraus, daß ich selber nicht krank bin, keinen Hunger leide. Ich sehe mich auf einer Ebene, die vielleicht nicht leid-frei ist, aber da gibt es relativ wenig Leid. Das massive Leid gehört nicht zu mir, gehört überhaupt nicht in den "Binnen"-Raum (s.o.) der Kirche. Das Gering-Sein ist nicht typisch für uns, es ist typisch für die unterschiedlich "fernen Nächsten"; es bleibt ein bißchen exotisch; es ist die Ausnahme, nicht die Regel: Die Not der "Geringsten" wird global in der "Dritten Welt" gesehen und lokal nur am Rande unserer Gemeinden. Wir wollen zwar helfen, aber wir helfen aus einer abgesicherten Position heraus. Aus einem binnen-kirchlichen Schon-Raum senden wir unsere Liebesgaben an andere, nach "draußen". - Dagegen die Predigt des Matthäus: Hunger haben, eingelocht sein - nun, Matthäus sagt nicht geradezu, das seien die "notae ecclesiae" (die unverzichtbaren Kennzeichen der Kirche). Matthäus sagt nicht: nur am Elend kann man Kirche erkennen. Aber so viel sagt er: diese Dinge sind typisch für uns, nicht nur typisch für irgendwelche anderen; nichts davon ist in der Kirche Jesu (in ihrem Binnen-Raum) exotisch. - Ich glaube schon, wir dürfen (und sollen!) uns freuen, wenn wir satt zu essen haben, wenn uns niemand bespitzelt, wenn wir für heute und morgen keines Arztes bedürfen. Aber die Selbstverständlichkeit, jedes: "Das ist doch klar so, warum sollte es denn anders sein?", dieser naive Schön-Wetter-Glaube wird uns gründlich zerschlagen. Und gerade damit werden wir zu Geschwistern der Menschen in Not, wenn uns (anthropologisch) die Rolle der Care-Paket-Schicker genommen wird.

Bei meinem Freund lernte ich, daß so etwas in Ansätzen Wirklichkeit werden kann. In einem gemeinsamen Urlaub sagte er mir: "Wie gut, daß ich nicht im Rollstuhl sitze!" Nein, diesen törichten Satz sagte er eben nicht. Er sagte ihn ähnlich, und damit sagte er es total anders: "Wie gut, daß nicht auch ich im Rollstuhl sitze; dann ging's doch gar nicht mehr mit uns." Ein andermal sagte er: "Wir beide haben zusammen zwei gesunde Beine, und das reicht für diese vier Wochen." Unausgesprochen war da unüberhörbar mitgesagt: "Wir beide haben zusammen einen Rollstuhl, und das ist zu verkraften für diese vier Wochen." - Daß er kräftig war, war gut; aber nicht "gut für ihn", so daß er sich in seiner Stärke sonnen könnte; es war "gut für uns beide". Wir schmissen zusammen (wenigstens für vier Wochen) und stellten fest: es reicht für uns beide.

Liegt das nicht genau auf der Linie von Mt 25? Mir geht immer stärker auf die theologische Bedeutung des mehrmaligen "ich" in diesem Kapitel. Jesus sagt: "ich" war krank, gefangen, Flüchtling ... Das bedeutet zunächst etwas für die Christologie: Wie wir nach 1945 mühsam gelernt haben, daß "Gottes-Sohn-Sein" und "Jude-Sein" keine Gegensätze sind (Jesus war ein Jude), so müssen wir endlich lernen, daß "Gottes-Sohn-Sein" und "Krank-Sein" keine Gegensätze sind; Jesus sagt: ich war krank (ob er es jemals tatsächlich war, weiß ich nicht). Jesus sagt: ich war gefangen (und das blieb bekanntlich nicht nur ein Satz). Jesus sagt: ich war Flüchtling (Matthäus ist der einzige Evangelist, der vom Flüchtlingskind Jesus in Ägypten erzählt). - Für die Ekklesiologie ist von großer Bedeutung, daß wir hier nicht ausweichen, sondern den Mut finden, die "geringsten Brüder" auf die Jünger Jesu zu beziehen; damit wird nämlich klar: Krank-Sein, Hunger-Haben, Flüchtling-Sein - das alles gehört eindeutig in den Binnenraum von Kirche. Kirche versammelt sich nicht vor dem Hospital, um für die darin Lebenden zu sammeln. Kirche ist das Hospital. Luther sagte: Die Kirche ist der Ort und das Krankenhaus der Kranken und Heilungsbedürftigen; erst der Himmel ist der Fürstenhof für Gesunde und Gerechte (Luther, Clemen-Ausgabe, Band 5, S. 243. - Aus diesem Zitat entwickelte ich den Ausdruck "Kirche als Patienten-Kollektiv", zuerst: "Volmarsteiner Rasiertexte", 1979, S. 74 und: "Boden unter den Füßen hat keiner", 1980, S. 203). - Auch für die Anthropologie scheint mir das zur Christologie Gesagte enorm wichtig zu sein: Wenn sich Gottes-Sohn-Sein und Krank-Sein nicht gegenseitig ausschließen, dann erst recht nicht Mensch-Sein und Krank-Sein: Ein Kranker, ein Behinderter ist ein normaler Mensch, ein gutes Geschöpf Gottes; auch der Schwerstbehinderte ist ein "ganzer" Mensch. Von da aus müßten wir uns gründlich verabschieden von allen Entwürfen, nach denen Krankheiten etwas Gegengöttliches, etwas nicht zum wahren Menschsein Passendes bedeuten. Gesund-Sein und Krank-Sein: beides ist in Gottes guter Schöpfung so normal wie Wind-Stille und See-Sturm. Wie stark ist unsere Theologie eigentlich ideologisch verseucht, wenn wir zwar die Tatsache rühmen, daß Christus sich mit den Kranken identifiziert, aber wir scheuen uns, daraus die anthropologische Konsequenz zu ziehen: "ich", der Mensch, "bin" krank, könnte (als Normalfall) krank sein? - Zugegeben, es ist lästig, behindert zu sein (und "lästig" ist noch eine sehr vorsichtige Formulierung). Aber das ist eine Aussage über unsere Gefühle, Nerven und Erfahrungen; damit ist noch nichts gesagt über Gottes Tun und Planen mit uns Menschen; davon aber redet unser Matthäus-Text, indem er ansagt: Keine Krankheit, keine Behinderung ist ein anthropologisches Malheur.

Ich blicke noch einmal auf das, was ich von meinem Freund erzählte, und es wird schnell deutlich, daß unser Text für die Diakonie äußerst wichtig sein könnte, allerdings nicht in der Weise, daß wir in unseren humanitären Impulsen biblisch unterstützt würden, sondern so, daß uns der Text in die Buße führt. Denn wer wagt es schon, für dauernd und nicht nur für vier Wochen, zudem in allen in Mt 25 genannten Beispielen und nicht nur im Blick auf einen einzelnen (zudem sogar befreundeten) Rollstuhlfahrer, solche Sätze zu sagen? Ich denke an einen Obdachlosen. In Parallele zu den Sätzen meines Freundes müßte ich sagen: wie gut für uns beide, daß wenigstens ich eine Wohnung habe; die wird reichen für uns zwei. Im Blick auf einen Sozialhilfe-Empfänger: wie gut für uns beide, daß wenigstens ich ein ordentliches Gehalt beziehe; wenn wir deine Unterstützung und mein Gehalt zusammenschmeißen und halbieren, wird es für uns alle reichen. - Ich spüre: ich wenigstens will so lieber nicht reden (allenfalls sehr selten, also als Ausnahme, und dann auch nur in streng eingegrenztem Rahmen).

Ich weiß nicht, ob der Text Mt 25 unbedingt diakonisch "gemolken" werden soll. Nur: wenn, dann müßten wir gewiß so reden, wie ich es gerade anklingen ließ. Jedenfalls dürfte unsere Gewohnheit, von diesem Text abzuleiten, daß wir Krankenhäuser bauen (zum allergrößten Teil übrigens mit staatlichen Geldern), und andere sind die Patienten (eben die "Geringsten", die uns [nicht etwa der Staat, sondern] der Herr anvertraut hat), diese Gewohnheit dürfte ein arges Mißverständnis des Textes sein.

Matthäus 25 - unbrauchbar für diakonische Impulse? Keineswegs. Dieser Text ist sehr brauchbar für solche Sachen: ungemütlich brauchbar, zum Weglaufen brauchbar. Oder vielleicht auch: zum bußfertigen "kleine Schritte probieren" brauchbar.

Hilfe-Handeln - oder: Sich-gegenseitig-nötig-Haben?

Ich komme zum Schlußteil. Deutlich gibt es in meinen Ausführungen zwei Tendenzen: Eine Einladung, den Text Mt 25 aus der Perspektive der Hospitalbewohner zu lesen (dann sind mit "geringste Brüder" die christlichen Gemeinden, dann sind "wir" gemeint); und gleichzeitig eine Warnung davor, diesen Text nur von "draußen", von der Sonnenseite aus, in Augenschein zu nehmen (dann ist bei "geringste Brüder" an andere, nämlich an alle Menschen in Not gedacht). Da in den vorangehenden Ausführungen die "Einladung" deutlich im Vordergrund stand, soll nun noch die "Warnung" thematisiert werden:

Wovor eigentlich warne ich? Ich weiß es selbst nicht genau. - Möglichkeit 1: Ich warne insgesamt vor der üblichen Auslegung, da es gar nicht ausbleiben kann, daß sie in Apartheids-Theologie abrutscht. - Möglichkeit 2: Ich warne nur vor Auswüchsen dieser Auslegung, sofern sie in Apartheids-Theologie abrutscht.

Ob sie dahin abrutschen muß, weiß ich aber eben nicht. Ich kann nur sagen: Was (nicht nur im Bereich der Diakonie) zu Mt 25 oft gesagt wird, kann kaum im Sinne der Matthäus-Predigt sein, weil sich nämlich offenbar ein Apartheids-Gefälle, mindestens gewisse Versatzstücke einer Apartheids-Theologie sozusagen automatisch einstellen. - Das ist natürlich noch keinerlei Beweis.

Ein Hinweis allerdings soll es sein, wenn ich abschließend auf Jürgen Moltmanns Auslegung zu sprechen komme (Kirche in der Kraft des Geistes, 1975, S. 141ff). Ich wähle diesen Text aus doppeltem Grunde: Er gehört nicht zu den Diakonie-Texten im engeren Sinne; und (dieses ist mir der wichtigere Grund): in J.Moltmann sehe ich einen der wenigen bekannten Theologen, die sehr deutlich angehen schon gegen das, was ich Apartheids-Gefälle nennen möchte. Das sei belegt mit einem Satz aus "Diakonie im Horizont des Reiches Gottes", 1984 (S. 27): "Wir finden das Reich Gottes mit Jesus, wenn wir in die Gemeinschaft der Armen, Kranken, Traurigen, Schuldigen eintreten, sie als Reichsgenossen anerkennen und [jetzt kommt die m.E. entscheidende Stelle] von ihnen als Brüder angenommen werden." Hier ist aller Einbahnstraßen-Diakonie gründlich der Abschied gegeben. Nicht nur: der andere braucht mich, sondern ebenso: ich brauche den anderen, ich habe es nötig, von ihm als Bruder (als Schwester) angenommen zu werden.

Nun aber zu Moltmanns anderem Text (1975). Auch hier ist eindeutig, daß er kein Gefälle entstehen lassen möchte. Aber kann er es verhindern? Moltmann übernimmt die Blickrichtung der üblichen Auslegungen (die "geringsten Brüder" sind nicht wir, sie sind überhaupt nicht hier; sie sind dort: dort draußen, allenfalls: dort an unseren Rändern), wenn er von einer doppelten Gegenwart Christi redet: im Apostolat ("wer euch hört, der hört mich") und in den Geringsten ("wer sie besucht, besucht mich") (S. 146). Wenn es auf der gleichen Seite heißt: "Der Elende ist keineswegs das Objekt christlicher Nächstenliebe und moralischer Pflichterfüllung", dann soll damit die diakonische Einseitigkeit wiederum klar abgewehrt sein. Kritische Frage jedoch: Ist dieses Nein zur diakonischen Einseitigkeit so "dicht", daß keinerlei Spalt bleibt für das Eindringen des Apartheids-Gefälles? Oder gibt es diesen Spalt doch; könnte er bereits in der Behauptung einer "doppelten" Gegenwart Christi zu sehen sein, in dem Gegenüber von Apostolat und Geringsten? Zwar werden (S. 148) die "zwei Bruderschaften Christi" ("Bruderschaft der Gemeinde", "Bruderschaft der Geringsten") wieder zusammengefügt als "doppelte Bruderschaft Christi". Woher aber kommen trotz allem die Anklänge an ein Apartheids-Gefälle - oder sind es nicht nur Anklänge? Ich frage etwas ratlos, was gemeint ist mit einem Satz von Seite 148: "Das Apostolat sagt, was die Kirche ist. Die Geringsten sagen, wohin die Kirche gehört." Die Geringsten, mögen sie noch so wichtig sein, gehören also nicht auf die Seite des Apostolats. Spitz gefragt: Sind sie etwa für das Wesen der Kirche nichts-'sagend'?! Das wäre freilich eindeutige Apartheids-Theologie, aber so kann es wohl nicht gemeint sein. Was aber ist hier gemeint?

Mit diesen Fragen bin ich bei einer These, die seit etwa 1970 in den Befreiungstheologien und auch sonst in der Ökumene entdeckt worden ist: Die Geringsten sind Boten des Evangeliums, sie gehören durchaus auf die Seite des Apostolats. 1975 (im gleichen Jahr erschien Moltmanns Buch) sagte man bei der Weltkirchenkonferenz in Nairobi: "Wie kann die Kirche sich dem Zeugnis öffnen, das Christus durch diese [gemeint: behinderten; U.B.] Menschen ablegt?" (Nairobi-Dokumente, S. 29). Kirche ist also nicht schon fertig, bevor sie ins Hospital geht. Vielmehr lernt sie gerade da (nicht von den Aposteln, sondern von den Kranken - und darin werden die Kranken zu Aposteln), was Kirche ist. - Eine alte Kirchenordnung sagt, laut Rolf Zerfaß (Lebensnerv Caritas, 1992, S. 64 und 196), der Diakon sei das Auge der Kirche. Eine Kirche, die den Blick auf die Kranken nicht täglich (aus- und ein-)übt, ist blind; sie kann dann auch nicht für sich selbst sagen, "was Kirche ist" (das könnten allenfalls gescheite Schreibtisch-Definitionen sein).

Wenn ich die Befreiungstheologien nicht völlig falsch verstehe, ist das Aufregende an diesem Punkt: beides fällt zusammen. Indem ich (nur indem ich) ins Hospital hineingehe, erkenne ich, was Kirche ist; und: wenn ich erkenne, was Kirche ist, bin ich sofort im Hospital. - Gerhard Ebeling sagte schon vor etlichen Jahren:

"Es ist ein Grundirrtum, es für zweierlei Ding zu halten: das Evangelium zu verstehen und es dann dahin zu bringen und verständlich zu machen, wo es ausgerichtet werden soll. Wir müssen endlich begreifen, daß das nicht zweierlei sondern eines ist. Was es um das Evangelium ist, versteht nicht nur der andere, sondern verstehen auch wir selbst als Theologen nur dann, wenn wir uns auf die Welt der Menschen einlassen, denen das Evangelium gilt, und deren Welt, selbst wenn sie scheinbar nicht die unsere ist, doch um Jesu willen unsere eigene Welt ist. Die tiefsten und verborgensten Verständnisschwierigkeiten, die uns Theologen selbst erwachsen, haben darin ihren Grund, daß wir mit unserer Theologie am falschen Ort sind." (Gerhard Ebeling, "Hauptprobleme der protestantischen Theologie in der Gegenwart", ZThK 1961, 123-136; Zitat: S. 135)

Ein anderes Moltmann-Zitat (S. 146): Christus identifiziert sich auf doppelte Weise: "Im Falle des Apostolats liegt ... eine Identifikation mit der aktiven Sendung vor; im Falle der Geringsten aber eine Identifikation mit der leidenden Erwartung." Einerseits also: Apostolat, aktiv, Sendung; andererseits: Geringste, Leiden, Erwartung.

Ich möchte dagegensetzen, was wir im Volmarsteiner Andachtskreis Bethesda bei der alten Frau N. lernten. Frau K., eine nichtbehinderte Dorfbewohnerin, die mit zum Kreis gehört, war mehrere Wochen krank gewesen; heute war sie wieder dabei und sagte, sie habe uns auch "richtig etwas vermißt". Da macht Frau N. ein sehr nachdenkliches Gesicht und sagt drei Sätze, die ich mit ihrer Erlaubnis sofort aufschrieb: "Ist viel wert. Ist wenigstens einer, der uns vermißt. Ist ja nicht so rasch einer, der uns vermißt." Hier protestierte die von Geburt an behinderte Frau N. gegen jene Zweiteilung, nach der sie als Behinderte auf die Seite des Leidens und des Wartens gehört (natürlich gehört sie auch dahin; sie kann erheblich schimpfen, wenn sie zu lange die Hilfe einer Mitarbeiterin vermissen muß): Frau K. hat es richtig gemacht. Sie hat erkannt, wie wichtig Frau N. ist: sie ist so wertvoll, sie ist so selbstverständlich meine Schwester, daß mir etwas fehlt, wenn wir länger nicht beisammen sind. - Frau N. wagt mit ihren zwei Stöcken den aufrechten Gang: Ich bin wer; euch fehlt etwas, wenn ich auf Dauer nicht bei euch bin. Man muß nicht nicht-behindert sein, um solche Sätze sagen zu dürfen. Frau N. verdrängt nicht das eine: "Geringste, Leiden, Erwartung" (s.o.); und trotzdem nimmt sie das andere ebenfalls auch für sich in Anspruch: "Apostolat, aktiv, Sendung" - warum auch nicht? - Und nachdem ich im Kreis diese schier revolutionäre Wende im Denken der Frau N. ausführlich zur Sprache gebracht hatte (die "Armen" merken zuweilen ohne interpretierende Hilfe nicht, was sie da liefern, wie enorm das ist, was sie mit wenigen Worten predigen), bekam ich auch noch "mein Fett" ab: Frau N. schaute mich kritisch-schmunzelnd durch ihre starken Brillengläser an: "Ja, Herr Pastor Bach, haben Sie mich denn etwa schon mal vermißt?!" - Diese Geschichte der Frau N. kann gelesen werden als Illustration jenes Moltmann-Satzes (1984), nach dem wir es nötig haben, von den "Armen" angenommen zu werden; gleichzeitig scheint sie ein kritisches Licht zu werfen auf seine früheren Sätze (von 1975).

Ein drittes Zitat von J.Moltmann nur ganz kurz (ich vermute, daß wir hier ins Zentrum der Argumentation kommen und eigentlich also besonders ausführlich werden müßten): "Im Apostolat spricht der erhöhte Herr. Sollte in den Geringsten nicht der Gekreuzigte sprechen?" (S. 146). Schon in der Behauptung zweier Gruppen (Apostolat / die Geringsten) sah ich die Gefahr des Apartheids-Gefälles (s.o.). Wird diese Gefahr jetzt nicht noch gesteigert durch die Zuordnung von Apostolat zu Ostern und der Geringsten zu Karfreitag? Spricht im Apostolat nicht auch der Gekreuzigte (nach Joh 20,20f läßt sich der Auferstandene, bevor er die Jünger sendet, durch seine Wunden identifizieren!)? Und ist es für die Geringsten nicht von entscheidender Bedeutung, daß der Erhöhte ihnen zusagt, er sei alle Tage bei ihnen (Mt 28,20)?

Alles in allem: ich kann und will nicht beweisen, daß es unabwendbar zur Apartheids-Theologie führt, wenn man Mt 25 in der üblichen Blickrichtung (hier - dort; s.o.) liest und auslegt. Aber die Lektüre der Moltmann-Passage gibt mir doch zu denken: Wenn sogar J.Moltmann, der eindeutig ein Abschieben der "Geringsten" in die Objekt-Rolle verhindern will (s.o.), dennoch nicht loskommt von (sehr vorsichtig gesagt) gewissen Anklängen an ein Apartheids-Gefälle, dann scheint es nicht abwegig zu sein, doch insgesamt zu warnen vor der üblichen Auslegung dieses Matthäus-Textes.

Die Befreiungstheologie des Matthäus kann offenbar nur in jener anderen Sicht in den Blick kommen: Wir sind die Geringsten. Wir sind die Brüder des Wickelkindes, das auf die Hilfe der Heiden angewiesen war. Wir sind die Kinder des Vaters, der die Lilien auf dem Felde kleidet und der "viel mehr" auch uns kleiden (und sonstwie versorgen) kann, was hin und wieder heißen wird, daß wir für die Hilfe heidnischer Mitmenschen zu danken haben. Frei sind wir, solange der Weltenherr uns darin (ich sage nicht: deswegen) seine Geschwister nennt, seine kleinen, seine "geringsten Schwestern und Brüder".

Diesen Namen tragen wir auch dann, wenn es uns (zur Zeit) gut geht, wenn uns weder Hunger noch Gefängnis direkt belasten. Denn die Matthäus-Predigt lädt uns ein, uns nicht in unseren Vorteilen zu sonnen, sie nicht für uns allein auszubeuten (das würde uns voneinander trennen), sondern zu wissen, zu sagen und zu praktizieren: Wie gut für uns beide (s.o.), daß es wenigstens mir einigermaßen gut geht. - Keineswegs also werden dadurch, daß wir einerseits in den "geringsten Brüdern" von Mt 25 die Jesus-Jünger (das heißt: uns) erkennen, daß wir andererseits aber zur Zeit ohne besondere Not sind, soziale Impulse verhindert; im Gegenteil: sie können jetzt, weitab von aller Geber-Pose, ehrlich werden, solidarisch, geschwisterlich. Günter Ebbrecht sagte 1987 in anderem Zusammenhang: "Nicht, weil ich genug habe, teile ich mit denen, die nicht genug haben, sondern weil ich das Bedürftigsein mit ihnen teile, Verwundbarkeit und Verletzlichkeit in mir selbst kenne und darum weiß, wie gut es tut, Nähe und Stärkung zu erfahren. Darum kann ich mich in die Bedürftigen, Verwundeten und Verletzten hineinversetzen und kann sie teilhaben lassen an dem, dessen ich selber so dringend bedarf."  [G.Ebbrecht, "Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn." (Mt 9,36), Weisheit, Güte und Barmherzigkeit im Umgang mit kranken und gesunden Menschen, in: Veröffentlichungen der Evangelischen Akademie Iserlohn, Reihe "Studienhefte", Aug. 1987, S. 19.]

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2.

 

Evangelischer Kirchentag Berlin
(Regional-Kirchentag 1987 in Ost-Berlin)

Kirchentags-Losung: ... und ich will bei euch wohnen

Bibelarbeit  über  Matthäus  25
Ulrich Bach

 

Liebe Schwestern und Brüder,

zwar möchte ich Sie nicht sofort zu Beginn dieser Bibelarbeit hinauskomplimentieren, möchte aber dennoch die Frage stellen: Meinen Sie wirklich, Ihr Herkommen habe sich für Sie gelohnt? Kirchentag - gut und schön, vielleicht mehr noch: großartig. Beim Kirchentag eine Arbeits-Gruppe zur Diakonie - ebenfalls eine unter sämtlichen Aspekten nur zu begrüßende Angelegenheit. Innerhalb der Arbeits-Gruppe Diakonie eine Bibelarbeit - dieses scheint mir sogar besonders positiv zu vermerken zu sein: Ist denn die Diakonie nicht oft in Gefahr, die finanziellen Möglichkeiten und Sorgen, die gesetzlichen Grundlagen, die organisatorischen Schwierigkeiten und die personellen Engpässe so intensiv zu bedenken und zu diskutieren, daß für einen ausführlichen Blick in die Bibel kaum noch Zeit bleibt - vielleicht manchmal auch kein Interesse? Bibelarbeit - also auch zu begrüßen. Aber - und jetzt kommt's - eine Bibelarbeit ausgerechnet über Mt 25, muß das wirklich sein? Diesen Text dürfte doch jeder kennen. Und wer auch nur ein kleinwenig diakonisch interessiert ist, kennt ihn bereits als einen der zentralen Diakonie-Texte: Die Notleidenden als Jesu geringste Brüder, und wir werden am jüngsten Tag nicht gefragt, ob unser Glaube immer stimmte, sondern ob wir wirklich den ärmsten Brüdern Jesu gedient haben. Ich darf gewiß davon ausgehen, daß jeder von Ihnen mindestens eine Predigt oder einen Vortrag über die diakonischen Impulse dieses Kapitels gehört hat. Lohnt es sich, diese Dinge nun noch einmal auszubreiten?

Mag sein, das lohnt sich tatsächlich nicht. Und trotzdem behaupte ich, es lohnt sich, dieses Mt-Kapitel noch einmal sehr aufmerksam zu lesen. Denn es könnte ja sein, daß Mt in diesem Text etwas ganz anderes predigt. Und nun sage ich Ihnen meine Grund-These zu diesem Kapitel, vielleicht sind Sie sehr überrascht, vielleicht denken Sie, Sie hörten nicht richtig, ich meine es aber wirklich so: In dem Kapitel Mt 25 werden wir Christen nicht aufgerufen, uns um die Notleidenden zu kümmern, weil diese von Jesus seine "geringsten Brüder" genannt werden; vielmehr bezeichnet uns Jesus hier als seine geringsten Brüder, mutet uns zu, in dieser Welt so erbärmlich arm zu sein, daß sogar Nicht-Christen zuweilen für uns sorgen müssen, und er erklärt sich mit uns auf Gedeih und Verderb solidarisch.

Natürlich muß das recht ausführlich begründet werden. Bevor ich aber einzelne Argumente bringe, möchte ich Sie an Zeichnungen erinnern, die Sie gewiß kennen, an Zeichnungen, die plötzlich "umspringen". Ich denke etwa an das Bild: 'zwei Gesichter oder ein Kelch?' Stellen Sie sich ein schwarz umrandetes Quadrat vor; darin sind rechts und links zwei Gesichter gezeichnet, Profile, die einander anschauen. Wichtig ist zweierlei, daß nämlich die Profile sauber symmetrisch gezeichnet sind, und daß zweitens beide Gesichter tief schwarz eingefärbt sind, während die Fläche zwischen den Gesichtern weiß bleibt. Sie schauen das Bild an: klar, zwei Menschen schauen einander an. Und plötzlich kann das Bild umkippen: Das sind ja gar nicht zwei Gesichter, das ist ein Kelch. Plötzlich sehen Sie also nicht die schwarzen Flächen als die vom Zeichner gemeinten Gegenstände - und dazwischen ist freier weißer Raum, sondern dieses Weiße erkennen Sie als den Gegenstand, um den es hier geht: einen schönen weißen Kelch vor schwarzem Hintergrund. Dann brauchen Sie sich nicht viel Mühe zu geben, um das Bild erneut umspringen zu lassen: Sie sehen wieder zwei Gesichter. Beide Bilder sind möglich, und es ist gar nicht so einfach zu entscheiden, welches das richtige, das vom Zeichner eigentlich gemeinte ist.

Ähnlich verhält es sich bei Mt 25. Schauen wir uns das bekannte Bild an: Jüngster Tag, alle Menschen erscheinen zum Gericht, und für den Welten-Richter Jesus ist die Frage entscheidend: Wer von uns hat den Notleidenden ihre Not gelindert? - Ich stelle drei Fragen: Wer wird geprüft? Alle Menschen, auch wir Christen. In welcher Rolle sind wir zu Lebzeiten? In der Rolle der einigermaßen Reichen; wenigstens sind wir so gut gestellt, daß wir den Hungernden zu essen, den Frierenden Kleidung geben können; daß wir nicht eingelocht sind, sondern so viel Freiheit haben, Gefangene zu besuchen. Und drittens: Was sollen wir Christen als die Haupt-Aussage dieses Textes hören? Den ethischen Appell: Ruht euch nicht aus auf eurer Rechtgläubigkeit, auf euren Missions-Erfolgen, auf eurer Geduld im Leiden. Nicht danach werdet ihr am Jüngsten Tag gefragt, sondern nach euerm Reagieren auf die Not der Notleidenden; bildet euch nicht ein, durch Taufe, durch den Christus-Bund, auf ewig Jesu Brüder zu sein; Jesu Brüder sind die Geringsten dieser Welt, die Notleidenden, für die ihr sorgen sollt; tut ihr das nicht, dann seid ihr auf ewig verloren. - Nun versuchen Sie bitte einmal, das Bild umkippen zu lassen: Jüngster Tag, der Weltenrichter Jesus kommt, und in seiner Nähe sind wir Christen: ärmlich, abgemagert, sehr gering. Vor dem Weltenrichter stehen die anderen, die Völker, die Heiden. Sie werden gerichtet, nur sie; im Blick auf sie ist die Frage von entscheidender Bedeutung: Wer von ihnen hat zu Lebzeiten einem von uns, einem dieser jämmerlich armseligen Christen seine Not ein bißchen gelindert? Stellen wir auch bei diesem Bild unsere drei Fragen von eben. Wer wird geprüft? Nur die Heiden, nicht alle Menschen. (Wir Christen wurden vorher schon geprüft, oder wir werden anschließend geprüft, auf jeden Fall nicht jetzt.) In welcher Rolle sind wir zu Lebzeiten? In der Rolle der Hungernden, der Frierenden, der Kranken und Gefangenen - kurzum: wir sind die Geringsten. Und drittens: Was ist die Haupt-Aussage des Textes, die wir Christen hören sollen? Der tröstende Zuspruch: Mögt ihr noch so gering sein, ihr seid die Brüder Jesu und bleibt in Ewigkeit Jesu Brüder, mit denen er sich so sehr solidarisiert, daß für einen Heiden die Entscheidung über ewiges Leben oder ewigen Tod von der Frage aus entschieden wird, ob er -auch wenn er eurer Botschaft nicht glaubte- euch in eurer Not beigestanden hat.

Zwei total verschiedene "Bilder" bzw. Aussagen. Und wie bei der Zeichnung 'zwei Gesichter oder ein Kelch?' ist es auch hier nicht einfach zu entscheiden, welche Sicht die richtige, die von Matthäus gemeinte, ist. Ich behaupte: Die zweite Sicht wollte der Evangelist predigen: Er will uns ansprechen als die "geringsten Brüder" Jesu, er will uns trösten mit dem Zuspruch, daß Jesus auch in unserer größten Not alle Tage bei uns ist bis an das Ende der Welt. Oder als These formuliert, die ich anschließend mit einigen Argumenten stützen möchte: In Mt 25, 31ff geht es um die "Aussage", daß nicht nur Jesu armseliges Bodenpersonal (seine mickrigen Apostel, seine Kirche in Ketten, seine geringsten Brüder) das Reich ererben, sondern auch alle Heiden, die, ohne an Jesu Botschaft (bzw. die der Jünger) zu glauben, den Christen das Elend ein bißchen erträglicher gemacht haben.

Ich halte kurz inne und betone:
Mit dieser These ist eine Ekklesiologie ("Lehre von der Kirche") angelegt, die jedem noch so vorsichtigen Schritt in Richtung "ecclesia triumphans" (triumphierende Kirche) schroff widerspricht. Darum ist es verständlich, daß wir dieser (schmerzenden) These gern ausweichen. Unsere Frage darf aber nicht heißen: was schmerzt, und wonach jucken uns die Ohren?, sondern nur: was predigt Matthäus in seinem 25. Kapitel wirklich? - Ich nenne nun einige Argumente für meine These, daß Matthäus in unserem Text predigen will: Christus hält seinen Jüngern, also seinen "geringsten Brüdern", die Treue, auch wenn ihre Not so groß ist, daß sie Hilfe zuweilen auch von Heiden annehmen müssen.

 

Argument 1:

Laut Vers 32 werden sich "alle Völker" vor dem Weltenrichter versammeln. Es geht hier also nicht um die Frage, ob alle Christen (alle Herr-Herr-Sager, Mt 7,21) in den "Himmel" kommen oder nur diejenigen Christen, die den Willen Gottes tun (ib.); vielmehr geht es um die Frage, nach welchem Kriterium "alle Völker" gerichtet werden.

Das scheint mir eindeutig so zu sein. Nicht sicher bin ich in folgendem: Mt scheint in seinem Evangelium vorauszusetzen, daß jeder Jünger ins Reich eingeht, falls er nicht in benennbarer Weise aus der Gnade herausfällt (dazu zwei Beispiele: der Geladene, der kein "hochzeitlich Kleid" trug, Mt 22, 11-14; der Schalksknecht, als er den relativ geringen Betrag nicht erlassen konnte, Mt 18, 28-35). Könnte nun Matthäus andererseits vielleicht sagen wollen: Jeder Heide bleibt vom Reich ausgeschlossen, falls er nicht in benennbarer Weise für Christus etwas tut? Diese "Weise" würde Jesus dann in unserem Text bestimmen: seine mickrigen Apostel speisen, sie im Gefängnis besuchen usw.

In unser Jahrhundert übertragen, hieße das etwa: Es geht nicht um die Frage, ob Bonhoeffer im Luftschutzkeller von Berlin-Tegel dem Gefängniswärter gelegentlich eine Zigarette anbot (und darum ins "Reich" eingeht), sondern um die Frage, ob der Gefängnis-Beamte Briefe Bonhoeffers aus dem Gefängnis schmuggelte und darum ins "Reich" eingeht, auch wenn er überzeugter Atheist war.

 

Argument 2:

Was meint das Wörtchen "diese" (geringsten Brüder)? Ich versuche, mir das Bild von Mt 25 vorzustellen. Fünf Bild-Teile begegnen einander: a) des Menschen Sohn; b) seine Herrlichkeit (vielleicht identisch mit "a"?); c) seine Engel bei ihm; d) die "geringsten Brüder"; e) die Völker. Wenn es heißt: "diese" geringsten Brüder, und wenn den Völkern gegenüber so geredet wird, dann können "diese" geringsten Brüder nicht identisch sein mit den Völkern, auch nicht mit einem Teil von ihnen; sie müssen sich von ihnen abheben. Das Gericht ergeht also nicht an den Brüdern oder an einer größeren Einheit, von der die "Brüder" nur ein Teil sind. Das Gericht ergeht - im Blick auf die Brüder! - an den Völkern.  Es werden also nicht Menschen nach den Konsequenzen des gehörten Evangeliums gefragt, sondern Menschen werden gefragt, ob sie (auch bei nicht gehörtem Evangelium, oder gar bei abgelehntem Evangelium) die mickrigen Brüder Jesu (etwa: den Apostel Paulus in Cäsarea) im Gefängnis besucht haben.

Auch hier wieder: So weit scheint mir die Sache eindeutig zu sein. Nur: Wo bringe ich die "geringsten Brüder" innerhalb der Bild-Teile unter, die in den Versen 31 und 32 genannt sind? Die Völker (also "e") kommen nicht in Frage (vgl. den vorangehenden Absatz). Der Menschensohn auch nicht. Aber sie müssen doch in den Versen 31 und 32 schon gegenwärtig sein, wenn das "diese" einen Sinn hat (anderenfalls müßte es erwähnt werden, wenn sie erst mit Vers 40 aus der Kulisse auf die Bühne gezogen würden). Könnten sie also in den Stichwörtern "Herrlichkeit" und "Engel" mit gemeint sein? Immerhin gibt es im Judentum die Vorstellung (4 Esra 7,28), daß der Messias bei seiner Offenbarung von bestimmten Menschen begleitet wird (etwa von Henoch oder von Elias) (vgl. Strack-Billerbeck I 973).

 

Argument 3:

 

Nach der üblichen Interpretation muß man in den Versen 40 und 45 eine recht komplizierte Belehrung voraussetzen, weil nämlich in einem anschaulichen Satz gleichzeitig zwei Korrekturen enthalten sein müßten.

Ich denke zunächst an Vers 40: Herr X weiß am jüngsten Tage, daß er Y versorgt hat; er weiß aber weder, daß er Jesus, noch: daß er einen seiner Brüder versorgt hat. Ihm wird von Jesus zweierlei gesagt: 1.: Y ist mein Bruder, denn jeder Hilfsbedürftige ist mein Bruder; 2.: mit meinem Bruder solidarisiere ich mich so sehr, daß mir geholfen hat, wer Y geholfen hat. Entsprechendes gilt von Vers 45: A weiß, daß er B nicht versorgt hat: er weiß aber genau: Wenn der Weltenrichter ihm so begegnet wäre, daß für A ein Doppeltes klar sein mußte: der vor mir stehende B ist der Weltenrichter, und: dieser Weltenrichter hat jetzt Hunger, dann hätte "ich" ihn versorgt. Jesus sagt zu diesem A: B war mein Bruder, denn jeder Hungernde ist mein Bruder; und: mit meinem Bruder solidarisiere ich mich so sehr, daß mir nicht zu essen gegeben hat, wer B, meinem Bruder, nicht zu essen gegeben hat.

Dagegen wird in meiner Interpretation durch Jesu Sätze (Vers 40 und 45) jeweils nur ein Punkt korrigiert: X und A wußten (im Gegensatz zu eben), daß sie es mit Jesu Brüdern (Missionaren, Freunden ...) zu tun hatten (und die von ihnen Versorgten/nicht Versorgten scheinen sie jetzt in "diesen" geringsten Brüdern problemlos wiederzuerkennen (vgl. oben: "Argument 2"); aber beide dachten: da haben wir es ja "nur" mit seinen mickrigen Missionaren zu tun. Jesu einzige Korrektur (in beiden Versen): Mit meinen mickrigen Missionaren solidarisiere ich mich so sehr, daß mir (nicht) geholfen hat, wer einem von ihnen (nicht) geholfen hat.

Ergeht die Botschaft Jesu nicht überall in den Evangelien so eindeutig, so schlicht und verständlich, daß es höchst unwahrscheinlich ist, für unser Kapitel anzunehmen: in einem knappen und auf Anhieb doch verständlichen Satz sollen plötzlich zwei Korrekturen gleichzeitig verborgen sein?

 

Argument 4:

In meiner Interpretation wird es überflüssig, eine Geheimnis=volle Konstruktion aufzubauen, auf die man sonst nicht verzichten kann.
 

Daß Jesus sich mit seinen Jüngern (mindestens sofern sie seine Missionare sind) identifiziert, ist allgemein neutestamentlich: Wer euch hört, der hört mich; usw. Dogmatisch nennen wir das: Gegenwart Christi in seinem Wort (bzw. in Wort und Sakrament). Durch Mt 25 wird es in der üblichen Auslegung aber nötig, von einem "Geheimnis" der "doppelten  Gegenwart Christi" zu sprechen (etwa: J. Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes, S. 148): "Identifizierung Christi mit der Gemeinde der Glaubenden" ("Wer euch hört, der hört mich") und parallel dazu: "Identifikation des Weltenrichters mit den Geringsten" ("Wer sie besucht, besucht mich") (Moltmann, aaO, S. 146) (diese doppelte Gegenwart Christi findet sich schon bei Wendland und bei Harbsmeier).

Müßte es uns nicht äußerst hellhörig machen, daß man sich für diese doppelte Gegenwart Christi immer nur auf Mt 25 berufen kann? Wenn sie sich sonst im NT nicht findet, findet sie sich dann wirklich hier? Diese verwegene Konstruktion erübrigt sich bei meiner Sicht: Christus identifiziert sich mit seinen Boten (sagt das NT auch sonst), und zwar umfassend (das unterstreicht diese Perikope): nicht nur, sofern die Boten predigen, sondern auch, sofern die Boten Menschen sind, die Hunger haben und Durst, die krank werden und im Gefängnis sitzen können: Christus solidarisiert sich total mit den Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und: Wer euch hilft, der hilft mir.

Gegenwart Christi in seinen Boten - ja!

Doppelte Gegenwart Christi - in den Boten und in den Geringsten - nein!

Sondern: Gegenwart Christi in seinen Boten ist seine umfassende Gegenwart in ihnen (Christus ist schließlich kein griechischer Idealist): seine Gegenwart in ihren Worten und in ihrem körperlichen Ergehen.

 

Argument 5:

Wo im Mt-Evangelium ist eigentlich die Rolle der Jünger eine ansehnliche Rolle? "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen..." (Mt 5,11). Der Jünger ist ein ganz besonders typischer Jünger, wenn er eingelocht ist. Das Paradigma dazu ist Mt 11,2-6 (Johannes der Täufer im Gefängnis): Typisch für den Jünger ist nicht, daß Jesus ihn aus dem Loch befreit; typisch für ihn ist, wenn er in der Jesus-Jünger-Solidarität bleibt, obwohl Jesus ihn aus dem Loch nicht herausholt. (In Klammern: Wenn Matthäus die Perikopen Mt 10 und Mt 11 äußerlich nah aneinanderrückt, dürften für ihn auch Mt 11 und Mt 25 zusammengehören, da nämlich Mt 10 und Mt 25 ebenfalls eng miteinander verwandt sind, wie sich gleich noch zeigen wird; vgl. "Argument 6".) Typisch für den Jünger ist, daß er zuweilen ohne Rock und ohne Mantel dasteht (Mt 5,40). Die Rolle derer, die wie Schafe unter die Wölfe geschickt werden (Mt 10,16), ist in der Tat keine ansehnliche Rolle. Es ist die Rolle der Bedürftigen, eine Rolle, die nur darum keine verzweifelte Rolle ist, weil der Vater dabei ist, der unsere Bedürfnisse kennt (Mt 6,32). Er ist "unser Vater", der uns "heute" das "tägliche Brot" gibt (Mt 6,11), der die Haare auf unserem Kopf gezählt hat (Mt 10,30). Um das Reich dieses Vaters geht es in Mt 25 (vgl. Vers 34). Anteil an seinem Reich habe ich als einer der geringsten Brüder: ich bin nicht reich, sondern arm; ich bin nicht frei, sondern in Ketten; ich soll keine Vorräte anhäufen, sondern hoffen, daß mein Vater mir heute das tägliche Brot geben wird. Und zwar wird er es mir zuweilen geben durch die Hand eines Heiden (der wird mich speisen, tränken, kleiden, besuchen). Darin hat auch der Heide Anteil an dem Reich des Vaters.
Auch am Jüngsten Tag also wartet auf die Jünger kein Triumph; vielmehr: Heiden und sie gehen als Gleichberechtigte in das Reich des Vaters ein: der gefangene Apostel und der heidnische Gefängnis-Wärter, der ihm eine Essens-Ration zuschmuggelte. - Kurz: nicht der notleidende Heide ist Jesu Bruder; sondern der Not lindernde Heide ist ein "Gesegneter": Er hatte die Chance, auch ohne Taufe Jesus zu dienen, und er hat diese Chance genutzt: Er ist nicht verloren, ihm ist das Reich "bereitet" - diese Art Welt-Gericht über die Völker paßt zu dem, der die Feindesliebe gepredigt hat, Mt 5,44.

Argument 6:

Wenn sich im Mt-Evangelium an anderer Stelle klare Parallel-Aussagen wenigstens zu einem Teil unseres Textes finden, dann legt es sich zwingend nahe, diese andere Stelle zur Interpretation von Mt 25 mit heranzuziehen. Ich denke an Mt 10: Die Jünger werden ausgesandt, und eindeutig ist ihre Rolle die Rolle der Armen, der auf Speisung Angewiesenen: "Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Kupfer in euern Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken" (Mt 10, 9f). Spannend in unserem Zusammenhang sind besonders die Schlußverse des Kapitels: "Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf... Und wer einen dieser Geringen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt darum, daß er mein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: es wird ihm nicht unbelohnt bleiben" (Mt 10, 40a und 42). Da ist also wieder von der Armut der predigenden Jünger die Rede (a), aber nun werden zwei weitere Aussagen dazugestellt; und zwar Aussagen, die auch in Mt 25 begegnen (b und c). Also:

a) Es werden Leute genannt. die so arm sind, daß sie darauf angewiesen sind, aufgenommen zu werden, einen Becher mit frischem Wasser gereicht zu bekommen. Diese Armen werden in Vers 42 "diese (!) Geringen (!)" genannt.

b) Es kommen andere zur Sprache, die solche armen Leute aufnehmen, bzw. die ihnen den Becher kalten Wassers geben.

c) Solches "Aufnehmen" bzw. "Tränken" wird "nicht ohne Lohn bleiben" (Mt 10,42).

Wenn das keine Parallelen sind (Mt 10/Mt 25), dann weiß ich nicht, was Parallelen sind. In Mt 10 ist aber zweifellos klar: "Diese Geringen" sind die von Jesus ausgesandten Jünger. Die Helfenden sind andere Leute; von diesen wird zwar gesagt, daß sie wissen: hier habe ich es mit einem Jesus-Schüler zu tun (vgl. Vers 42: "darum, daß er mein Jünger ist"); es bleibt aber völlig offen, ob sie die Botschaft Jesu in irgendeiner Weise angenommen haben. Den "Lohn" jedenfalls bekommen sie nicht, weil sie vielleicht selber Jünger wären (davon findet sich keine Andeutung); den "Lohn" bekommen sie ausdrücklich dafür, daß sie anderen, den geringen Jüngern Jesu, geholfen haben.

Mt 25 nicht in Parallele zu Mt 10 zu lesen, scheint mir völlig unmnöglich zu sein. Stattdessen dürfte klar auf der Hand liegen: Das Denk-Schema von Mt 10 (Nichtchristen werden "Lohn" empfangen dafür, daß sie den "geringen" Jüngern Jesu geholfen haben) ist auch das Denk-Schema von Mt 25.

 

Neben-Erwägungen

Außer den genannten sechs Punkten scheint es noch anderes zu geben, was das Bild abrundet, ohne allerdings in sich ein bedeutendes Argument zu sein. Ich denke an zweierlei:

a) Wenn meine These richtig ist, erledigt sich eine Frage von selbst, die ja häufig gestellt wird: Wieso sind diejenigen, die vor dem Weltenrichter stehen, eigentlich überrascht über den Maßstab, nach dem sie gemessen werden - die "Spielregeln" für das Endgericht stehen doch seit den Tagen des Mt in unseren Bibeln? Hier liegt natürlich dann kein Problem vor, wenn die "Völker" gar nicht mit der bibellesenden Gemeinde identisch sind (wenn die Gemeinde nicht einmal ein Teil der "Völker" ist).

b) M.E. paßt meine Interpretation von Mt 25 ganz ausgezeichnet zu dem sich bei Mt findenden Universalismus, und zwar in dem Sinne, daß dieser Universalismus Mt 25 beleuchtet und auch umgekehrt. - Der schon in der Abraham-Verheißung angelegte Universalismus ("in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden", 1.Mos 12,3) wird bekanntlich bei Mt mehrfach aufgenommen: Heidnische Sterndeuter finden als erste zum neugeborenen König (Kap 2); Gottes Heil ist nicht auf Israel beschränkt, es gilt auch dem "kanaanäischen Weib" (Kap 15). Die Jünger sind bei diesem Übergang des göttlichen Segens auf die Heiden im allgemeinen nicht positiv beteiligt: Kapitel 2 waren sie noch gar nicht berufen; Kapitel 15 wirken sie eher bremsend: "Laß sie doch von dir, denn sie schreit uns nach." - In dieser Hinsicht spielt Kapitel 28 eine gewichtige Ausnahme: "Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker." Hier sind die Jünger diejenigen, die das Heil zu den Heiden bringen sollen. - Wenn meine These zu Kapitel 25 richtig ist, bedeutet dieser Text eine ergänzende Parallele zu diesem Jünger-Auftrag von Kapitel 28 und gleichzeitig eine auf die Jünger-Schar aktualisierte Parallele zu Kapitel 2. Zunächst zu Kapitel 25: Den Jüngern, die mit der Christus-Botschaft zu den Heiden gehen sollen, wird hier ergänzend gesagt: Auch wo ihr mit der Predigt nicht "landet" (weil der andere sie ablehnt oder noch nicht versteht; weil ihr unterschiedliche Muttersprachen sprecht; oder weil ihr im Augenblick durch Krankheit oder Gefängnis am Predigen gehindert seid...) - auch da hat euer Zusammensein mit Heiden für diese Heiden Heilsbedeutung, wenn ihr die Rolle der Geringsten nicht verweigert, in der ihr auf Hilfe von Seiten der Heiden angewiesen seid. - Diese Rolle ist für die Kirche Christi keine imposante Rolle, aber sicher eine wichtige; auch der Satz: "Ihr seid das Salz der Erde" (Mt 5,13), redet ja nicht von Ansehnlichkeit, nur von Wichtigkeit. Das Evangelium, der Zuspruch für die Gemeinde, liegt hier in der Brüderbezeichnung: Wenn ich, Christus, euch diese Rolle zumute, dann stoße ich euch damit nicht von mir, sondern ziehe euch in meine Nähe; ich habs euch doch vorgemacht (wenigstens Mt stellt die Dinge so dar; und damit komme ich zu Kap 2): Da lag ein Wickelkind, das mit seiner Predigt wirklich noch nicht "landen" konnte; aber die Sterndeuter kamen in Kontakt mit mir, indem ich die Rolle dessen übernahm, der sich von ihnen beschenken ließ; und auch dazu waren diese Heiden brauchbar: sie verhinderten, daß Herodes mir vorzeitig auf die Spur kam; wenn ihr also die Rolle der Geringsten nicht verweigert (wenn ihr die Größe habt, klein sein zu können, so klein, daß ihr das Brot nötig habt, das euch ein Heide reichen kann), dann seid ihr Brüder des Wickelkindes, das ich vor 30 Jahren war, dann seid ihr meine Brüder. -  Das hieße: Mt spannt nicht nur den bekannten Universalismus-Bogen von Kap 2 zu Kap 28 (dieser Bogen vollzieht sich auf der Wort-Ebene: anbeten, Kap 2; predigen, lehren..., Kap 28), sondern einen zweiten Universalismus-Bogen zwischen Kap 2 und Kap 25 (und dieser Bogen vollzieht sich auf der Tat-Ebene, aber in der Weise, daß es um das Annehmen von Taten geht: Jesus ließ sich von den Heiden beschenken, Kap 2; die Jünger müssen sich von Heiden versorgen lassen, Kap 25). - (Den nächsten Gedanken setze ich vorsichtshalber in Klammern, da er mir selber etwas nach Spekulation "riecht". Aber man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, Mt wollte erreichen, daß wir bei Mt 25 an Mt 2 zurückdenken. Denn fast im direkten Anschluß an unseren Text erzählt er von der verschwenderischen Salbung in Bethanien. Wo im Mt-Ev wird erzählt, daß Jesus "köstliche" Gaben angenommen hat? Mir fallen nur diese beiden Stellen ein: Mt 2 und 26. Mt 26 halten die Jünger die Salbung für Vergeudung: das kostbare "Wasser" hätte man verkaufen und das Geld den Armen geben sollen; Jesus aber nimmt das ihn verehrende Tun, das für heute einmal nicht an die Armen denkt, deutlich vor den Jüngern in Schutz: Mt 26,8-12. Sonderbar: Ausgerechnet in Mt 26 wird also die soziale Vollmundigkeit der Jünger von Jesus zurückgepfiffen; sollte er sie dann in Kap 25 selber haben auslösen wollen?! - Ein weiteres Argument von Kap 26 her: Wenn Jesus dort, V. 11, sagt: allezeit werdet ihr Kontakt mit Armen haben, nicht aber mit mir, dann kann Mt 25 niemals sagen wollen: ihr werdet allezeit Kontakt mit mir haben, denn ihr habt ja allezeit Kontakt zu Armen.) - So weit meine Argumente für die Richtigkeit der mehrfach genannten These.

Damit stehen wir allerdings vor einer weiteren Frage, der wir jetzt noch nachgehen müssen:

Was wird dann aber aus der Diakonie?

Natürlich muß uns bewußt sein: Mit meiner These würde einer Unzahl von Diakonie-Predigten, Diakonie-Vorträgen und Diakonie-Denkansätzen die geistig-geistliche Basis entzogen. Trotzdem aber behaupte ich zweierlei:

a) Wohl keine einzige unserer diakonischen Aktivitäten müssen wir abblasen. Das, was ich Ihnen vortrug, spricht absolut nicht gegen 3.-Welt-Programme oder gegen einen 100-Mark-Dauerauftrag zugunsten irgendeines diakonischen Projektes, auch nicht gegen kirchliche Krankenhäuser oder evangelische Behinderten-Einrichtungen. Nur: Das alles kann sich nicht auf Mt 25 berufen. Mt 25 ist in der üblichen Interpretation gewiß eine Bibelstelle, von der her sich das alles besonders leicht und anschaulich ableiten läßt (mag sein: in dieser Hinsicht sogar die brauchbarste, die am flottesten zu handhabende). Aber Mt 25 ist ja wirklich nicht (ganz gleich in welcher Interpretation) der einzige biblische Beleg dafür, daß die genannten Dinge wichtige Aufgaben für den einzelnen Christen und für die christliche Kirche sind. Also nicht: Abblasen der diakonischen Aktivitäten!, sondern: Für den Diakonie-Sonntag einen anderen Text wählen! Denn für diese Gelegenheit ist Mt 25 offenbar absolut unbrauchbar - mindestens auf den ersten Blick.

b) Mt 25 kann unserer Kirche dazu verhelfen, daß ihre Diakonie ein wirkliches Dienen bleibt, daß Diakonie ohne Herrschafts-Allüren und ohne Dünkel auskommt, daß sie als eine Spielart der Jesus-Nachfolge verstanden werden kann. Und hier sofort die Kehrseite dieser Behauptung: Mt 25 ist in der üblichen Interpretation eine zwar wohlschmeckende, aber den klaren Blick stark vernebelnde Droge mit katastrophalen Auswirkungen.

Ich sagte eben, Mt 25 sei bestimmt nicht der einzige Bibeltext, der uns (in der üblichen Auslegung) dazu verpflichtet, Notleidenden zu helfen. Aber er ist der einzige Text, der (in dieser Auslegung) als Begründung angibt: Im Notleidenden als einem Bruder Jesu dienen wir Jesus Christus. Und diese Begründung bedeutet für die Diakonie unserer Kirche m.E. die Gefahr einer absoluten Katastrophe. (Von einer zweiten Katastrophe will ich heute nicht weiter reden, die in der Abzielung des Helfens auf einen sicheren Platz im "Reich" besteht. Denn erstens ist darüber endlos oft gesprochen worden; und zweitens - das mag die Folge von "erstens" sein - ist diese Sicht der Dinge mindestens in der evangelischen Kirche vielleicht noch nicht "ausgestorben"; aber sie ist, wenn ich das richtig sehe, in keiner Weise mehr so wirksam wie die genannte Begründung). Warum ist diese genannte Begründung so katastrophal für die Diakonie unserer Kirche? Und auch hier sofort die Kehrseite dieser Frage: Inwiefern könnte Mt 25 in meiner Interpretation diese Katastrophe verhindern, reparieren, lindern? - Ich versuche eine Antwort:

"Christen helfen Notleidenden, denn die Notleidenden sind Jesu geringste Brüder, und wer ihnen dient, dient Christus". In diesem Satz (bzw. in dem entsprechenden Denken) stehen sich Christen und Notleidende gegenüber. Normalerweise sind Christen demnach nicht krank, sondern sie bauen Krankenhäuser und ergreifen Pflege-Berufe. Schon die simple Tatsache, daß die ernsteren Christen (soweit sich das überhaupt so sagen läßt) auch in evangelischen Krankenhäusern zuweilen sich in den Betten befinden und nicht -pflegend- vor den Betten, schon diese Tatsache paßt nicht in unseren schönen Gedankengang; am liebsten würden wir sie verschweigen; wenn wir sie nennen, tun wirs nebenbei, gewissermaßen als Fußnote. Schwieriger noch wird für manche Christen eine andere Tatsache: daß gelegentlich ein in Not (Krankheit...) geratener Christ sich weigert, seine Situation als eine unnormale, von Gott nicht gewollte Situation anzusehen. Konkret: Seit Jahren behaupte ich, die beiden Umstände, daß ich nämlich einerseits auf den Rollstuhl angewiesen bin, andererseits aber hören und sehen kann, beide Umstände sind in gleicher Weise Lebensbedinungen, die Gott mir zugewiesen hat: beides hat den gleichen Abstand (Nähe, Ferne) zu Gott, Schöpfung, Sündenfall, Gnade und wie immer unsere theologischen Begriffe heißen mögen. Dieser Behauptung aber wird von manchen Theologen, auch von Theologen innerhalb der Diakonie, scharf widersprochen. Ich habe diesen Widerspruch lange nicht verstehen können. Die übliche Mt-25-Sicht macht mir das verständlich: Christen sind eben normalerweise im Gegenüber zu Notleidenden, zu Blinden, zu Rollstuhlfahrern. Unser Metier ist nicht der Hunger, sondern die Großküche, mit der wir Hungernde retten und versorgen. Macht uns dieses schöne und stabilisierende Fundament bloß nicht kaputt!

Damit Sie nicht denken, meine Phantasie sei soeben mit mir durchgegangen, nenne ich Ihnen eine Stilblüte aus jüngster Zeit: In der EKD-Umfrage von 1984 "Was wird aus der Kirche?" findet sich (auf den Seiten 138/9) eine Aufstellung zu der Frage, für welche Zwecke die Befragten am liebsten etwas spenden würden: für Arme und Alte (74%), es folgen Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime (hier sind wir bei 55% angekommen); erst in beträchtlichem Abstand sind die Orgel in der eigenen Gemeinde (26%) und die Kirchengebäudeerhaltung (17%) genannt. Über diese Zahlen kann man sich gewiß nur freuen. Aber nicht mehr über den unüberbietbaren Kommentar: "Die Meinung ist eindeutig: Die Kirchenmitglieder würden ihr Geld eher für soziale und diakonische als für binnenkirchliche Zwecke geben"!! Das hieße doch: Alt-sein und Gefährdet-sein, Krank-sein und Erziehung-nötig-haben: das alles gehört nicht mehr in den "Binnen"-Raum der Kirche Jesu! Natürlich gerät es damit automatisch in Gefahr, in unseren Augen exotisch zu werden. Ob alte und gefährdete Menschen tatsächlich Randgruppen sind und bleiben müssen, ist eine Frage für sich. Was mich im Augenblick aufregt, ist dieses: Es gibt kirchliche Verlautbarungen, durch deren skandalöse Sprache solche Gruppen zu Randgruppen werden. Schlagen wir eigentlich nie mehr unsere Bibel auf? Im Alten Testament zum Beispiel ist das Bewußtsein lebendig, daß wir alle Fremdlinge "sind" (!) (1. Chr.29); von hier aus veränderte sich dann das Verhalten der Israeliten zu den Fremdlingen in ihrer Mitte. Ebenso veränderte sich das Verhalten den Knechten gegenüber durch das Wissen: Von Hause aus sind wir alle Sklaven (zu diesen AT-Bezügen ausführlicher: U.Bach, Boden unter den Füßen hat keiner, S.206). In dieser Linie sehe ich Mt 25: Von Hause aus "sind" wir Christen arm und hungrig, frierend, krank und gefangen. Natürlich darf ich mich freuen, wenn das im Augenblick nicht auf mich zutrifft (wenigstens nicht alles gleichzeitig); aber "exotisch" ist von alledem gar nichts. Die Erkenntnis, daß Armut und Gefängnis (und solche Dinge) von Hause aus unsere Rollen sind, läßt Diakonie nicht scheitern; im Gegenteil: Jetzt entweichen unsere geistlichen Blähungen; jetzt kann eine Diakonie ohne Dünkel wachsen; möglich wird nun wirkliche Solidarität.

Fatal ist also die Übertragung des Ausdruckes "geringste Brüder" auf andere. Wer sind wir dann? Auf jeden Fall: weniger geringe Brüder, vielleicht auch gar nicht so geringe Brüder, sondern einfach "Brüder"; eindeutig also etwas Besseres als "die da", als diese Notleidenden. - Wie bringen wir z.B. Mt 25 (die "geringsten Brüder") mit Barmen III zusammen (Kirche ist eine "Gemeinde von Brüdern")? Nach Barmen III sind Christen nichts Besseres: Wir sind in der "Welt der Sünde" nicht die ganz oder halb Sündlosen, sondern die "Kirche der begnadigten Sünder". Besser ist auf unserer Seite (wenn man angesichts der dick unterstrichenen Solidarität bei Barmen III überhaupt von "Seiten" sprechen darf) ausschließlich: Wir können ein Lied davon singen, was Gnade heißt. Unser Standort jedoch ist keinen Zentimeter höher als der Standort der anderen. Dieser nüchterne Denkansatz müßte dann wohl beim Nachdenken über Diakonie sauber durchgehalten werden. Wie aber lautet eine Zwischenüberschrift in dem Votum des theologischen Ausschusses der EKU "Gemeinde von Brüdern" (Barmen III, Band 2; 1981, Seite 118)? Im Abschnitt "Der Diakonat der 'Gemeinde von Brüdern'" (Seite 114ff) heißt es: "In der Diakonie tritt die 'Gemeinde von Brüdern' in die Gemeinschaft mit den 'geringsten Brüdern' Jesu ein." Wenn hier nicht an Oben/ Unten zu denken ist, dann mindestens an: weniger unten/ganz unten; das Stichwort "geringste" wenigstens trifft nicht auf uns zu, sondern auf die, die auf uns angewiesen sind. Deutlich zeigt sich hier ein Gefälle und eben nicht mehr das auf-der-gleichen-Stufe-Stehen von Barmen III. - Haben Sie einmal erlebt, wie etwa in einem Pflegeheim bei Jahresfest oder Jubiläum in Vortrag, Predigt oder Grußwort plötzlich Mt 25 und speziell "die geringsten Brüder" bemüht werden? Vor einiger Zeit bestand der Kommentar einer Zuhörerin darin, daß sie kopfschüttelnd den bekannten Satz zitierte, mit dem ein Westdeutscher Politiker ein Grußwort in Afrika begonnen haben soll: Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger! - Und das sind nicht nur einzelne Entgleisungen. Klopfen Sie doch einmal diakonische Grundsatz-Papiere daraufhin ab, ob Ihnen nicht in fataler Häufigkeit folgender Grundgedanke begegnet: Gott ist in Christus unterwegs zu den Menschen in Not. (Soweit ja richtig.) Der nächste Gedankenschritt: Diakonie heißt: "wir" gehen diesen Weg Gottes mit (!). Merken Sie? Unter der Hand wird jetzt behauptet: die Notleidenden, zu denen Gott in Christus unterwegs ist, sind nicht wir alle, sondern irgendwelche "die da" - eben "die geringsten Brüder". Wir  aber gehören auf die Seite Gottes, der zu den Notleidenden unterwegs ist; wir sind nicht Objekte der göttlichen Diakonie, sondern deren Mit-Subjekte. Daß wir selber hilfsbedürftig sind; daß auch wir es nötig haben, daß andere den Weg Gottes zu uns mitgehen, alles das wird hier total ausgeblendet, könnte aber von Mt 25 her sofort vor Augen stehen. - Jesus und wir, ausstaffiert mit dem göttlichen Missions- und Diakonie-Auftrag, auf der einen Seite - und uns gegenüber die böse Welt, die es zu bekehren, und die geringsten Brüder, denen es zu helfen gilt: Wovor eigentlich haben wir Angst? Ist unser Glaube an die Liebe unseres himmlischen Vaters wirklich so gering, daß wir meinen, wir dürften auf diese schreckliche Konstruktion nicht verzichten?

Abschließend füge ich noch vier Schlußbemerkungen an:

a) Geht, wenn wir unser Helfen mit dem Hinweis auf die geringsten Brüder begründen, in denen wir doch Christus dienen, nicht die Selbstverständlichkeit unseres sozialen Tuns verloren? Unserem Ehepartner halten wir selbstverständlich die Tür auf. Einem Blinden halten wir auch die Tür auf; aber jetzt ist uns das ein Stück Reich-Gottes-Arbeit; jetzt dienen wir in diesem geringsten Blinden unserem Herrn Jesus Christus. Wird der Blinde dann überhaupt noch ernstgenommen? - Vor Jahren wurde in Volmarstein ein Diakonen-Schüler von einem Heim-Bewohner gefragt: Warum tust du das alles - sogar noch am Sonntag schreibst du Briefe für uns!? Antwort: Weil ich meinen Heiland so lieb habe. Da sagte der andere: ach du Scheiße, ich hatte gehofft, du hast uns ein bißchen lieb. - Ich behaupte: Diakonie ist nur dann Diakonie, wenn sie diese Reaktion des Heimbewohners bejahen kann.

b) Das zweite: Verunmöglicht nicht zuweilen schon unsere Aktivistensprache das Entstehen einer diakonischen Kirche, in der jeder gebend und nehmend sein darf? Dann wird aus dem neutestamentlichen "dienet einander" der "Dienst", der jetzt einseitig begriffen wird. Und neuerdings wird diese Einseitigkeit vollends festgezurrt durch die doppelt genannte Aktivität: Diakonie wird umrissen als "Hilfehandeln" - jetzt muß ich stark sein; keinesfalls darf ich die Rolle des "geringsten Bruders" übernehmen - ich wäre ja untauglich für jede Diakonie.

c) Erst, nachdem der Entwurf dieser Bibelarbeit fertig war, machte ich in der theologischen Literatur interessante Entdeckungen: Natürlich fand ich schon in der alten Kirche Belege für die bekannte Interpretation von Mt 25: Helft den Armen, dann helft ihr Christus. Daneben aber fand ich nachträglich auch andere Stimmen. Um 1900 gab es Exegeten, für die völlig klar gewesen ist: die "Geringsten" von Mt 25 sind die Jünger; und nur beiläufig erwähnen sie andere Neutestamentler, die nicht dieser Meinung sind. Mehr allerdings gab mir zu denken, daß vor mehr als zehn Jahren ein in der Diakonie bekannter Autor die gleiche These (wenn auch mit recht anderer Argumentation) vertrat, die ich Ihnen heute vortrug; er hat das auch veröffentlicht (Dietfried Gewalt, Linguistica Biblica, Juli 1973). Warum hat man das nicht gehört? Ich fragte ihn: Hat das nicht eingeschlagen wie eine Bombe? Nein, hatte es nicht.

d) Damit bin ich beim letzten Punkt. Kann es sein, daß es in uns Sperren gibt? Geistliche Sperren? Oder sollten wir ehrlicher sagen: Religiöse Sperren? Wir auf der Seite Gottes, auf der Seite des Erlösers, wir als Mit-Retter der verkorksten Menschheit - ja! Ja natürlich, das gibt uns Auftrieb. Aber wir als die Geringsten, die Gottes Gnade nicht immer nur weiterreichen sollen, sondern selber auf sie angewiesen sind - das ist uns doch ein wenig zu mickrig! - Wovor eigentlich haben wir Angst? Brauchbar für Gottes Sache sind wir nur, wenn wir Nicht-Könner sein können wie die Kinder; wenn wir nicht Aktivisten sind, sondern Menschen mit leeren Händen; Menschen, die Gottes Gnade nicht haben, sondern erbitten. Bittet, so wird euch gegeben: Das ist kein Satz, schön für unsere "Klienten"; das ist ein Satz, nötig für uns alle.

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