Buchbericht Dörte Gebhard

 

Buchbericht Dörte Gebhard

Rissige Theologie
Bausteine einer Theologie nach Hadamar (Buchbericht)
Dörte Gebhard
in:
Pastoraltheologie,
97. Jahrgang, 144-153

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dazu:

 

Ulrich Bach, Rönsahl am (07. bis) 22.06.08

Sehr geehrte, liebe Frau Gebhard!

Auch wenn meine Gedanken noch nicht sauber geordnet sind, will ich den vereinbarten Brief beginnen. Ich werde einfach Punkt für Punkt einige Dinge nennen.

Gefreut habe ich mich darüber, daß Sie die einzelnen Kapitel auch einzeln gelesen als sinnvoll bezeichnen. Das nimmt manchem hoffentlich die Angst vor dem dicken Buch.

1) Interessant fand ich zunächst Ihr Spielen mit dem Wort „Riß“. Nach und nach kommen mir aber Bedenken. Für mich bezeichnet der Riß ein Faktum, das mir übergestülpt wurde. Ich war rein passiv, hatte mich mit dem Riß zu arrangieren. Wenn Sie nicht schreiben: Biographie mit Riß, sondern rissige Biographie, dann ist das doch wohl zweierlei. „Rissig“ heißt für mich soviel wie brüchig: Es kann zu einem Riß kommen oder auch zu vielen; die Nähe zu „darauf ist kein Verlass“ ist erheblich. Wenn Sie an anderer Stelle schreiben, ich risse aus meinen theologischen Elternhäusern aus, oder ich zerrisse die Nähe von Jesu Predigen und Heilen, dann hat das mit dem ursprünglichen Riß nicht oder nur wenig zu tun; oder wollen Sie das überhaupt nicht andeuten?

2) Die zweite Hälfte Ihrer Text-Seite 146 „hat es in sich“, wenn ich das mal so sagen darf. Ihr Nein zu einer kalten Uniformität ist deutlicher als die von Ihnen gemeinte Position. Die „unvergleichlich verschiedenen Gottesbilder“ sehen Sie offensichtlich als Reichtum. Zu meinen ältesten theologischen Grundthesen gehört die Forderung, in Diakonie und Kirche sauber zu entscheiden, ob unser Denken von Baal oder von Jahwe herkommt (nach E.Käsemann), etwa: „Sage mir, wie du von Gott redest und ich sage dir, wie deine Diakonie aussieht“ (so in einem Text, um den mich der Weltrat der Kirchen, Genf, bat; abgedruckt in „Boden unter den Füßen hat keiner“, S.193-218, Zitat: S. 196). Die gleiche Unterscheidung schimmert in meinem Buch von 2006 mehrfach durch. Wer sich in der Käsemann’schen Alternative „Baal oder Jahwe“ für Jahwe entscheidet, geht damit ein Risiko ein. Der Rückenwind gebende Wünsche–Erfüller Baal hat bei uns Menschen die „besseren Karten“. Bei Jahwe leidet die „Quote“. Vor wenigen Wochen „erfand“ ich diese Ausdrücke: Quoten–Kirche, Quoten–Theologie und Quoten-Diakonie und denke dabei an Micha 2,11: „Wenn ich ein Irrgeist wäre und ein Lügenprediger und predigte, wie sie saufen und schwelgen sollen – das wäre ein Prediger für dies Volk!“. Wie wir heutzutage auch in der Kirche wie Politik und Fernsehen nach Umfragen und Quoten–Zahlen schielen, verbittert mich geradezu. Die dritte Versuchung Jesu (nach Matthäus) darf man gewiß als Jesu Kontra gegen das Angebot eines unschlagbaren Quoten–Plazes interpretieren („das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“). Vor Jahrzehnten beklatschten wir den Mut derer, die sich zu DDR-Zeiten weigerten, sich den östlichen Ideologien anzupassen. Sind die damaligen Sätze seit 1990 aktuell nur noch zur Pflege unserer gelegentlich wach werdenden kirchlichen Helden-Gedenktags-Anwandlungen, oder benennen sie eine Gefahr, die in für die Kirche ruhigen Zeiten vielleicht größer ist als damals? Ich denke da an zwei Sätze, die der Magdeburger Bischof Werner Krusche 1979 sagte: "Eine Kirche, die unbedingt überleben will, hat sich überlebt", und: "Eine Kirche, die es mit keinem verderben will, ist durch und durch verdorben." – Jedenfalls behaupte ich, daß es in Kirche, Diakonie und Theologie auch Gottesbilder gibt, die schädlich sind; dabei denke ich beispielsweise an die Ideologie der Berufsbildungswerke. Der starke und alles Schwache stärken wollende Gott soll helfen, daß der schwerbehinderte Mensch in unserem Wirtschaftsleben konkurrenzfähig wird. Wenn jemand diesem Anspruch nicht genügen kann, muß er vorzeitig seine Koffer packen, und die anderen sagen: Den ham`se totgeschrieben (Vgl. S. 57).  Die Scheu dieser jungen Leute, in die Häuser der Schwerstbehinderten zu gehen oder mit ihnen gemeinsam Unternehmungen zu starten, ist sehr ausgeprägt; bei den Mitarbeitern ist es zuweilen ganz ähnlich (deutlich: Spaltung durch ein unbiblisches Gottesbild). Meine These, die ich, ohne die These deutlich schon zu formulieren, in meinem Kapitel 3 breit erkläre, kann so lauten: Ein Gottesbild, das in Kirche und Theologie gelebt und gepflegt würde, das es aber ermöglicht oder gar fördert, die in irgendeinem Sinne besonders Schwachen diskriminierend zu übersehen oder auszusondern, ein Gottesbild also, das am Horizont die Konturen von Hadamar erkennen läßt, darf in der Nachfolge Jesu niemals als legitim gelten. In der Titelfrage des 3. Kapitels darf / muß das Fragezeichen gestrichen werden; in der Spur Jesu gilt tatsächlich: Keinerlei Grenzen nach unten! So verstehen Sie bitte mein Bemühen um eine saubere reformatorische Theologie, in der ja ein Spielen mit mehreren Gottesbildern völlig undenkbar ist.

3) Das Beispiel der „Ideologie der Berufsbildungswerke“ führt direkt zu zentralen Fragen und Aussagen meines Buches: Sind wir unterwegs zu den Schwächsten, „nicht nur um zu helfen, sondern um hier (!) Theologie (!) zu lernen (!)“? (S. 92). Realisieren wir den mehrfach im Buch zitierten Impuls aus Nairobi: Wie kann die Kirche sich öffnen für die Jesus-Botschaft behinderter Menschen (S. 149)? Von einer Tagung in Lunteren berichte ich Seite 73 f: Leichter Behinderte widersprachen kräftig meiner These, Behinderung gehöre in die gute Schöpfung Gottes; Menschen aber die selber schwerstbehindert waren oder beruflich Erfahrungen mit Schwerstbehinderten hatten, stimmten erleichtert zu. Oder ich denke an eine Studentin die während einer Seminarsitzung uns sehr offen von ihrer kaum sichtbaren Behinderung erzählte und davon, daß ihr ein Pfarrer gesagt hatte, sie dürfe nicht mit Gott hadern, sondern müsse ihm dankbar dafür sein, daß es sie nicht schwerer getroffen hatte (S. 147–149); spannend wurde es dadurch, daß sie uns sagte, Gott sei vielleicht gerecht, aber diese Gerechtigkeit könne sie absolut nicht verstehen. Wir erkannten die beiden Möglichkeiten, das zwar zu respektieren, aber für uns keineswegs zu übernehmen (damit käme es zu einer Art Zwei- Klassen–Theologie), oder aber ihren Satz auch für uns persönlich zu übernehmen (wir können ja auch nicht verstehen, warum wir ohne die selbe Behinderung leben dürfen). Auf der ganzen Linie ist eine Bewegung zu fordern, die Ursula Adams „Karriere nach unten“ nennt (so betitelte sie 1979 einen Aufsatz in: Geist und Leben, 52, S. 201ff), und die von Bodelschwingh dazu führte, die Schwerstbehinderten „unsere Professoren“ zu nennen (S. 92). - Nebenbei gesagt: Diese Bewegung bezieht sich nicht nur auf die Theologie, sondern bezieht anderes mit ein. Zwei Alltags-Beispiele: In einem Mitarbeitergespräch erklärte ein Arzt den Unterschied zwischen behindert und krank und sprach mich unmittelbar an: Sie würden doch (außer im Fall einer Grippe) niemals sagen, Sie seien krank. Ich weiß meine Antwort nicht mehr, spüre aber noch deutlich die mir plötzlich bewußt werdende Zweischneidigkeit dieser Frage. Setze ich mich nicht, wenn ich „natürlich nicht“ antworte, von den vielen auch in Volmarstein lebenden Muskelkranken ab, zu deren Behinderung es gehört, dass ihre Behinderung sie unaufhaltsam schwächer werden läßt: Ganz so schwer wie ihr bin ich ja nicht behindert, denn ihr seit ja auch krank? Oder: Einige Jahre widersprach ich heftig, wenn jemand sagte, ich sei an den Rollstuhl gefesselt (vgl. Bach Boden, S. 21); bis ich dann spastisch gelähmte Menschen erlebte, deren Spasmen in den Beinen so heftig sind, daß ihre  Beine mit Lederriemen am Rollstuhl fixiert werden müssen. Seitdem protestiere ich kaum noch gegen das Wort gefesselt.

4) Zunächst sträubte ich mich gegen ein Gefühl, das eine Passage Ihres Buchberichtes bei mir auslöst, aber es ließ sich nicht abwimmeln, der Schmerz nämlich über Ihre Darstellung meiner Markus-Exegese. Ich hatte mich bemüht, meinen tatsächlich zu einer aufregenden These führenden Gedankengang in kleinen Schritten dem Leser vorzulegen und zu erklären, hatte an einer besonders wichtigen Stelle eine selbstkritische Kontrolle eingebaut (ich denke an S. 419 ab Mitte und dazu an S.442 f), um wirklich sicherzugehen, daß ich hier nicht eigenen Gedanken freien Lauf lasse, sondern klar in der „Spur“ (so sage ich mehrfach) des Markus bleibe. Und bei Ihnen lese ich: „in einer sehr gewagten, weitreichenden Spekulation (...) malt sich der Theologe aus, wie Jesus... verzichtet hat.“ Liebe Frau Gebhard, das tut weh. Von da aus fiel mir auf, daß Ihr Eingehen auf meine Markus-Kapitel auch sonst spärlich und meist kritisch ist: Bach „zerreißt auch Jesu Predigtauftrag und Heilungsberichte, die nach Markus zusammenhängend berichtet werden“. Bin ich zu empfindlich, wenn ich hier einen Gegensatz Markus / Bach heraushöre? Jedenfalls scheinen Sie meinem (wie ich meine) Nachweis nicht folgen zu können, daß Markus selber „Predigtauftrag und Heilungsberichte“ sehr deutlich und scharf auseinander hält. Was könnte ich da „zerreißen“? Markus selbst hat beides sauber getrennt, und ich warne nur davor, beides wieder miteinander zu verrühren und sich dabei österliche Arzt-Bilder „auszumalen“, wie es heute oft geschieht (vgl. z.B. S. 432 zu Mk 1.31). Mich macht es schon neugierig, an welcher Stelle Sie meinen wiederholten Hinweisen auf diese Markus–Unterscheidung nicht mehr zustimmen können. Klar: Ihre Formulierung „Spekulation“ meint eindeutig die „Meditation“, also das Kapitel 19, aber offenbar sehen Sie auch das Kapitel 18 schon sehr kritisch; und hier fällt die für den Gesamtinhalt des Buches noch wichtigere Endscheidung: Weil Markus die Dämonenaustreibung als eine Weise der Predigt versteht (wie Sie ja S.151 auch zitieren) und die Heilungen davon absetzt, anders gesagt: Weil Markus den Kampf Jesu gegen das Böse auf sein Predigen (gegen Unglauben und falschen Glauben) und auf seine Exorzismen (gegen die bösen Geister) begrenzt und damit alle Kranken und Behinderten aus der Kampfarena befreit, darum vertritt Markus insgesamt die Gegenposition zu jeder Apartheids–Ideologie, die nicht auskommt, ohne Krankheiten als Teil des Bösen zu definieren.

(Kleiner Nachtrag zu „Spekulation“. Seit Jahren bin ich oft entsetzt über die Lässigkeit, mit der manche theologische Sätze zustande kommen. Kleines Indiz für meinen Zorn ist, was ich auf Seite 449 sage: „Tun wir doch nicht so, als seien uns“ biblische Texte „zur theologischen Plünderung freigegeben worden!“ Darum gehört es für mich zu den schmerzhaftesten Kritiken an meinen theologischen Äußerungen, wenn jetzt auch meine Sätze Spekulation genannt werden. Denn für mich ist klar: „Indem ich mich der Predigt der Evangelisten stelle, stelle ich mich dem verbindlichen (das heißt: dem ihn und mich zusammen–bindenden) Wort unseres Herrn“, so Seite 413).

5) Daß bei Ihnen meine Markus–Ausführungen recht knapp behandelt werden, könnte, wenn ich recht sehe, in einem größeren Zusammenhang stehen. Den Grund–Gegensatz, der sich durchs ganze Buch zieht, bilden die beiden Pole

    a) die These: Krankheit und Behinderung sind Teil „des Bösen“. Besonders kraß  erscheint sie in der Ham–Theorie (Augustin und seine Schüler; vgl. S. 311f), kraß auch in der Verlautbarung einer diakonischen Fachtagung von 1931, die von der Möglichkeit spricht, daß die „Funktionen“ mancher Behinderten „zum Bösen“ und zur teilweisen „Zerstörung“ des Reiches Gottes führen können, woraus sich „eine sittliche Pflicht zur Sterilisierung aus Nächstenliebe“ ergibt (bei mir S. 226). Deutlich erkennbar wird sie aber auch in allem, was ich Apartheids–Theologie nenne;        

     b) das Bekenntnis, Krankheit und Behinderung sind Teile der guten Schöpfung Gottes. Für das Alte Testament entfalten das G.v.Rad („Allkausalität“, S. 306f) und W.Groß u. K.-J.Kuschel (S. 307–310): „Gott trägt die Verantwortung für die Wirklichkeit in all ihren Aspekten, einschließlich Finsternis und Unheil“ (S. 308). Besonders deutlich prägt dieses Bekenntnis die Theologie des Markus (vor allem Kapitel 1+ 2). Jesu Kampf gegen das Böse gilt dem Unglauben und den Dämonen, nicht aber der Krankheit. Damit befreit Markus alle Kranken aus der Dämonenarena. Wenn ich meine Überlegungen zu Markus mit der These beschließe, Markus 1+2 seien als „Basis–Text“ einer „Theologie nach Hadamar“ zu begreifen ( S. 487–491), liegt es nahe, daß ich auch die Gegenposition noch einmal erwähne, nämlich die „mittelalterliche Ham–Theorie“ (vgl. S. 448). So schließt sich der große Gedanken-Kreis, der auf den ersten Buchseiten mit der Gegenüberstellung von „Riß“ als „Kennzeichen der Apartheid“ und „Gemeinde“ als „die Gegenwirklichkeit zur Apartheid“ begonnen hatte (S. 18). Wenn ich nichts übersehen habe, nehmen Sie auf die Ham–Theorie keinen Bezug, und auch die häufige Gleichsetzung „Krankheit“ = „das Böse“ wird kaum erwähnt. Fiel dieser Grund–Gegensatz bei Ihnen der begrenzten Seitenzahl zum Opfer, oder messen Sie ihm kein größeres Gewicht zu?

6) Eine weniger wichtige Korrektur noch eben. Auf Seite 150 schreiben Sie, ich sei „unmittelbar nach [m]einer Krankheitserfahrung aus [m]einen theologischen Elternhäusern“ ausgerissen. Das passierte aber erst wesentlich später. Die ersten 10 Jahre im Rollstuhl gab es für mich viele Fragen der Frömmigkeit: Was kann ich beten, worauf kann ich hoffen, wie lange darf ich um Genesung bitten? Auch suchte meine Spiritualität weiterhelfende Bibelverse und Bilder, etwa „die Wüste“. Aber daß ich mich als Geschöpf Gottes, als gleichberechtigtes Gemeindeglied sah, war völlig selbstverständlich. Meine vier Bonner Semester studierte ich völlig „normal“ Theologie, mit einer kleinen Ausnahme: In einer Seminar–Sitzung sagte H.J. Iwand einen Satz (inhaltlich längst vergessen), bei dem mir sofort klar war: Wenn der richtig ist, war das, was ich in der Klinik den Kameraden gesagt habe (in Richtung: Wir brauchen Jesus), falsch. Nach Ende der Sitzung sprach ich Iwand an, er ging sehr freundlich auf meine Argumente ein, versuchte aber behutsam, mich auf die Gefahr hinzuweisen, daß wir Jesus als Quasi-Medikament anpreisen. Zehn Jahre nach meiner Erkrankung, bei meinem Dienstantritt in der Volmarsteiner Behinderteneinrichtung, ergaben sich dann theologische Fragen in Fülle (S.19–21). Die Hilfe, die ich plötzlich brauchte, suchte ich lange Jahre bei der Theologie, die ich im Bücherschrank hatte. Die ersten großen Fragezeichen an die Theologie ergaben sich in den siebziger Jahren, zunächst sehr vereinzelt, dann aber an mich erschreckend vielen Stellen. Das Ergebnis kennen Sie, haben dankenswerterweise ausführlich darüber berichtet. – Mag sein, ich habe selber für diese (gerade von mir kritisierte) Ungenauigkeit gesorgt. Zwar sage ich mehrfach, die durch meine Erkrankung aufbrechenden Fragen und Gedanken hätten erst recht langsam deutliche Formen angenommen (S. 18: damals „mehr Gefühl als These“; S.93: die Bonner Semester verliefen normal, das bisher eher Gefühlte meldete sich 1962 „um so dramatischer zu Wort“). Aber das zweite Kapitel, das ja ausdrücklich biographisch sein soll, ist da recht ungenau, indem ich unter der Überschrift „radikales Fragezeichen von 1952“ in systematischer Weise sozusagen fertige Früchte vorstelle. Mindestens die Überschrift hätte ich anders gestalten müssen, etwa: „Das langsam sich abzeichnende und Gestalt annehmende radikale Fragezeichen seit 1952“.

7) Lassen Sie mich noch eingehen auf Ihre Kritik an meinem Satz: Gott will, daß dieses Leben mein Leben ist. Dieser Satz löst auch bei anderen Lesern des Buches trotz meiner darin enthaltenen Versuche, Mißverständnisse auszuschließen, nach wie vor Kritik aus. Jetzt will ich mehrere Aspekte etwas ausführen:

  • Mein Satz will nicht als repressives Gesetz verstanden werden (das hieße: Gott will das so; du hast dich zu fügen), sondern als subversives Evangelium (laß dir nicht einreden, du seist weniger als die anderen; Gott könne nur mit intakten Geschöpfen etwas anfangen). (Vgl. im Buch von 2006 S, 169f; vgl. auch S. 54f u.ö.)
  • Die damalige Antwort will auch keinesfalls als allgemein gültiger, immer austeilbarer Satz verstanden werden, so als könne der Krankenseelsorger bei seinen Besuchen ihn von Bett zu Bett wie eine Tablette verabreichen. Vielmehr will er zunächst einmal den nichtbehinderten Leser (oder Hörer; bei der „Uraufführung“ war es ein österreichischer Offizier) anregen, ihn mit seiner eigenen Spiritualität ins Gespräch zu bringen: Was besagt eigentlich mein Glaube, ein Geschöpf Gottes zu sein, konkret: Bezieht sich dabei mein Glaube nur auf positive Dinge (gute Schulnoten, zufriedenstellender Arbeitsplatz, Begabungen); oder auch auf das negativ von mir Erlebte (daß der Kollege „besser“ ist als ich, daß ich meinen Kindern gegenüber oft wenig Geduld habe usw.)? (Vgl. S. 270).
  • Mein Satz degradiert Gott auch nicht zur Verstehens-Agentur für unsere Rätsel, und zwar in zweierlei Hinsicht:
    (a) Er redet von Gegenwart und Zukunft: Gott will, daß ich mein behindertes Leben mutig gestalte; ich sage nicht: Gott ‚wollte‘ (Vergangenheit), daß mich die Viren erwischten; diese Frage bleibt lebenslänglich ein Rätsel.
    (b) Der Satz behauptet auch nicht, für Gegenwart und Zukunft die Lösung der Kreuzworträtsel unseres Lebens zu sein. Der Satz lebt überhaupt nicht auf der Ebene von Frage, Antwort, Information und Wissen, sondern auf der Ebene von Zusage, Hören, Hoffen  und Vertrauen. In einem Exkurs zu meinem Urlaubssatz (Buch von 2006, S. 54f) zitiere ich Martin Luther, der auch im Blick auf verworrene Lebenssituationen dazu ermutigt, unseren väterlichen Gott am Werk zu sehen: "Wenn ... dein Wesen ein Stand ist, der nicht an sich selber Sünde ist, selbst wenn du durch Sünde oder Torheit hineingekommen wärst..., so hat dirs gewiß Gott geschickt und bist in einem Wesen, das Gott gefällt" (S. 55). Jedes Urteilen darüber, warum Gott mich in dieses „Wesen“ „geschickt“ hat, ist mir verwehrt. Ohne inhaltlich den göttlichen Willen genauer benennen zu können, darf ich darauf vertrauen, daß hier keine andere Macht meinem Schöpfer ins Handwerk gepfuscht hat: höre diese Zusage, vertraue darauf: Gott selber ist hier am Werk. – Genau entsprechend der dritten Vaterunser-Bitte überläßt mein Satz die inhaltliche Füllung (Perspektive des „Habens) des göttlichen Willens dem Schöpfer selbst. Wichtig allein ist das Vertrauen zu unserem himmlischen Vater (Perspektive des „Seins“): Dein Wille geschehe. Angesichts Ihres Textes, die letzten 16 Zeilen der Seite 152, sehe ich an dieser Stelle keinerlei Widerspruch zwischen uns.

Grundsätzlich, also auch bei jenem Urlaubs-Satz zu Anfang der siebziger Jahre, ist meine oft wiederholte These des einheitlichen theologischen Redens über behinderte und nicht behinderte Menschen mitzuhören. Diese These trieb ich in meinem Buch im Nachdenken über ein Zitat aus „Gott ist ein Freund des Lebens“ auf die Spitze (S. 108). Das dort entwickelte Bespiel möchte ich im Blick auf jenen alten Satz wiederholen: Wenn alle sagen, wir dürfen von Gott dem Schöpfer nicht so reden, daß jeder sich als persönlich so geschaffener Mensch glauben könnte, dann könnte ich zur Not auf meinen Satz verzichten, aber wirklich nur dann. Was auf jeden Fall ausgeschlossen bleiben muß, wäre die Möglichkeit, die für uns erfreulichen Tatbestände (Gesundheit, Arbeitsplatz usw.) auf Gott zurückzuführen, alles Negative aber nicht. (Solche Abspaltung des Negativen gehört zu unseren apartheids-theologischen Traditionen, vgl. S. 21f u.ö.) Wie selbstverständlich zum Bespiel jährlich das Erntedankfest zu feiern und bei Taufgottesdiensten Gott dafür zu danken, daß er Mutter und Kind bei der Geburt gnädig bewahrte, müßte zwingend die ebenso richtige Möglichkeit neben sich haben, als Behinderter zu sagen: Gott will, daß dieses Leben im Rollstuhl  mein Leben ist. Im Sinne der für alle Menschen einheitlichen theologischen Sätze werde ich weiterhin sagen, mein Satz sei verallgemeinerbar. Das aber nicht im Sinne eines Gesetzes, nach dem jeder diesen Satz ‚schlucken‘ müßte; andererseits ist der Satz aber auch kein Privat-Bekenntnis, das alle anderen nichts anginge. Vielmehr sehe ich in diesem Satz (a) ein Signal dafür, daß da jemand nicht schon beim dritten Sandkorn in der Sandale (vgl. S. 166) aufhört, sein Leben weiterhin unserem Schöpfer-Gott zu verdanken; und (b) eine Einladung (Frage, Aufforderung) an meine Mitchristen: wollt ihr nicht auch versuchen, etwa bei Verlusten (auch größeren Verlusten) mit Hiob daran festzuhalten: Gott hat nicht nur gegeben, er ist es auch, der es jetzt genommen hat, „der Name des Herrn sei gelobt“ (Hiob 1,21)

8) Eine „Macke“ bei mir kenne ich lange und weiß sie nicht abzustellen: Meine Äußerungen zu einem Text, der mich erfreut hat, an dem ich aber relativ kleine Punkte kritisch sehe, gestalte ich ungewollt so, als sähe ich nur zu Kritisierendes und (fast) nichts anderes. Darum will ich noch einmal betonen: Das „riesig gefreut“ meiner ersten sehr kurzen E-mail an Sie gilt nach wie vor. Ich finde es großartig, wie viel Zeit und Mühe Sie eingesetzt haben, um einer größeren Öffentlichkeit über mein Buch zu „berichten“. Sehen Sie bitte auch die kritischen Passagen meines Briefes als meinen Beitrag zum theologischen Gespräch.

Mit nochmaligen Dank und vielen guten Wünschen

Grüßt Sie    Ihr Ulrich Bach 

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